Berlin : Tagesspiegel-Spendenaktion: "Evas Haltestelle" gibt Frauen Halt

Tanja Buntrock

Eva! Ein hebräischer Name. "Die Lebendige", "die Mutter allen Lebens" bedeutet er. "Evas Haltestelle" nennt sich sinnbildlich die Tageswohnung für obdachlose Frauen in der Bornemannstraße 7. An der Frontscheibe prangt ein großes Schild mit einem grünen "H". Anhalten, Rast machen, essen, trinken, duschen, Wäsche waschen können die Frauen dort. Viele kommen mit Tüten und Taschen bepackt herein. Mehr als das besitzen sie nicht.

Ab 10 Uhr ist die Einrichtung, die vom "Sozialdienst katholischer Frauen e.V." finanziert wird und bereits seit vier Jahren besteht, offen. Der große Holztisch ist mit Aufschnitt und Marmelade gedeckt. Frühstückszeit. "Immer mehr Frauen in Berlin leben auf der Straße oder sind von Wohnungslosigkeit bedroht", sagt die leitende Sozialarbeiterin. "Doch im Gegensatz zu den Männern, sieht man es den meisten Frauen nicht unbedingt an, dass sie kein Zuhause mehr haben." Sie versuchten möglichst lang ohne institutionelle Hilfe auszukommen. Oftmals gingen sie abends in Kneipen, "um sich abschleppen zu lassen", nur um nachts ein Dach über den Kopf zu haben, schildert Jutta Reichert.

Hier, in "Evas Haltestelle" haben diese Frauen wenigstens bis 18 Uhr eine Anlaufstelle. Die Sozialarbeiterin und ihre 14 ehrenamtlichen Helferinnen, die sich die Schichten teilen, bieten ihnen allerdings mehr als Essen und eine warme Dusche. "Wir vermitteln den Frauen Schlafmöglichkeiten in anderen Einrichtungen oder in betreuten Wohnheimen, prüfen mit ihnen rechtliche Ansprüche, füllen Anträge aus und so weiter", erzählt Reichert. Dienstags gibt "ein besonderes Frühstück", das die Sozialarbeiterin bereitet. An den anderen Tagen müssen die Frauen selbst an den Kühlschrank oder die Kochtöpfe. "Wieder für etwas Verantwortung zu übernehmen, ist ganz wichtig für sie."

Um die 15 Stamm-Gäste hat die Einrichtung, acht davon sind psychisch gestört. So wie die Frau Anfang 40, die jeden Donnerstag kommt. Immer zum frühstücken. Danach fährt sie quer durch die Stadt zu anderen Einrichtungen. "Sie hat sich mittlerweile einen richtigen Nahrungsketten-Fahrplan zusammengestellt", erzählt Reichert. Vor zehn Jahren hat sie recht erfolgreich als Fernsehjournalistin gearbeitet. Bis sie Opfer eines Autounfalls wurde. Die Verletzungen am Schädel waren so stark, dass sie seither geistig gestört ist. Sie hört oft Stimmen, halluziniert. Ihre Haare sind vorne extra kurz geschnitten, damit man ihre Narben sieht. "Sie hat nichts dagegen auf ihr Schicksal angesprochen zu werden, sehr wahrscheinlich möchte sie das sogar", meint Reichert. Doch diese Frau hat zumindest noch Eltern, die sich sorgen. Und sie hat eine kleine Einzimmer-Wohnung, in die sie sich nachts verkriechen kann. Damit ist sie eine Ausnahme. "Für die anderen, die nicht wissen, wo sie nachts hinkönnen, haben wir bislang immer einen Weg gefunden", betont Reichert.

Im hinteren Raum können sich die Frauen auch tagsüber aufs Ohr legen, wenn sie vom Umherziehen auf der Straße erschöpft sind. Oder sie bedienen sich im Gemeinschaftsraum in der "Kreativ-Ecke" - einem großen Ikea-Regal, das vollgestopft ist mit Spielen und Puzzles. Allerdings ist das Sofa hier schon abgeranzt und durchgesessen. Die Einrichtung braucht ein neues, "ein Ledersofa müsste es sein, aus hygienischen Gründen. Inkontinenz und Pilzerkrankungen sind hier keine Seltenheit", sagt Reichert, "wir müssen was Abwaschbares haben." Auch ein paar neuen Holzstühle könnten das Ambiente noch etwas gemütlicher machen, "die Sitzkissen kann man ja waschen", sagt Reichert und schmunzelt.

Am Montag richten die Mitarbeiterinnen eine Weihnachtsfeier für alle aus. Bestimmt wird die Frau, die immer nur donnerstags kommt, dabei sein. Bei etwas Besonderem macht auch sie eine Ausnahme.

Spendenaktion Tagesspiegel e.V. / Obdachlose, Kontonummer 8888 bei der Berliner Sparkasse, BLZ 100 500 00. Bei Überweisungen per Internet: Kontonummer 25 003 09 42, ebenfalls bei der Berliner Sparkasse. Bitte vermerken Sie Namen und vollständige Anschrift auf dem Beleg, Spendenbescheinigungen schicken wir Ihnen im kommenden Jahr zu.

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