Berlin : Tagesspiegel-Spendenaktion für Obdachlose: Aus Angst vor Gewalt auf der Flucht

Tanja Buntrock

Fast alle Mädchen kommen nur mit dem an, was sie am eigenen Leib tragen. Manche sogar in Hausschuhen. Oftmals ist ihr ganzer Körper mit Blutergüssen übersät. Bei "Papatya", der Kriseneinrichtung für türkische und arabische Mädchen, erhalten sie Schutz. Hierhin flüchten die meist Minderjährigen vor prügelnden Vätern, Müttern, Onkeln und Cousins - viele auch vor sexuellem Missbrauch. Papatya ist türkisch und heißt übersetzt Kamille. "Die Kamille, die heilt", erklärt Eva K., eine der Betreuerinnen. Der Zufluchtsort ist streng geheim, darf keinesfalls verraten werden.

Fatma, Filiz, Melis, Özgül und Yasemin sitzen in der Küche von Papatya. Die Küche ist der zentrale Treffpunkt. "Hier sitzen wir, quatschen, weinen, trösten und erzählen uns von unseren Problemen", sagt Melis. Es sei wichtig, dass sie auch den Betreuerinnen trauen können, sind sich die Fünf einig. "Die sind echt toll hier, man kann mit ihnen über alles reden", sagt Özgül. Papatya ist für sie eine Ersatzfamilie. Und wie in jeder Familie kosten Heranwachsende Geld. Das Projekt hofft auf Spenden aus der Tagesspiegel-Weihnachtsaktion, um unter anderem das gemeinsame Wohnzimmer zu verschönern.

In der Kriseneinrichtung müssen die Bewohnerinnen einige Regeln einhalten. "Raus dürfen sie nur von 14 bis 19 Uhr", erklärt Betreuerin Gülay D., "ansonsten ist der Schutz nicht mehr gewährleistet". Die Mädchen können in der Wohnung nicht angerufen werden. Mit Freunden verabreden sie sich immer einige Haltestellen entfernt vom Haus. In eine Disco zu gehen, ist sowieso tabu, alles aus Sicherheitsgründen. Aber die Bewohnerinnen - es waren immerhin 1000 Mädchen, seitdem Papatya 1985 vom Türkisch-Deutschen Frauenverein gegründet worden wurde - halten sich daran. "Wir machen hier unsere eigene Disco", erzählt Yasemin. Die Runde lacht schallend.

Langsam fassen die Mädchen Vertrauen und sprechen ein wenig von dem, was sie erlebt haben. Die 16-jährige Özgül ist von zu Hause geflohen, weil sie dort "wie eine Eingesperrte" gelebt habe. Ihr Vater hat sie per Handy kontrolliert. "Ich musste immer anrufen, wenn ich von der Schule heimgefahren bin." Ansonsten durfte sie nur in den Handballverein. "Selbst das hat mein Vater mir vor kurzem verboten." Als sie es vor drei Wochen gar nicht mehr ausgehalten hat, ist sie über den Jugendnotdienst an Papatya vermittelt worden. "Es war so schlimm zu Hause. Ich hatte dort das Gefühl, ich werde meiner Jugend beraubt", sagt sie leise. Keines der Mädchen durfte sich mit einem Schulkameraden treffen, geschweige denn einen Freund haben. "Dann wäre unser Kopf ab", sagt Filiz.

Acht Personen können die sieben Mitarbeiterinnen, die rund um die Uhr da sind, bei Papatya aufnehmen. Vor allem in den Mehrbettzimmern fühlen sich die Mädchen wohl. "Die meisten wollen nicht alleine sein, sondern lieber kuscheln", sagt Eva K. Da Papatya nur zum Teil von der Senatsjugendverwaltung finanziert wird, ist die Einrichtung auf Spenden angewiesen. Die Fahrkarten für die Mädchen kosten einiges. Außerdem benötigen die Mädchen neue Bett-, Schlaf- und Unterwäsche. Schließlich durchlaufen jährlich rund 80 Mädchen die Zufluchtswohnung. Die Wohnzimmermöbel und der Teppich stammen noch aus der Gründungszeit des Projekts.

Als Melis ihre Geschichte erzählt, schlägt die anfängliche Heiterkeit um. Ihre eigene Mutter hat sie als "Hure und Schlampe" beschimpft, ihr Vater prügelte sie. "Die Worte sind viel schmerzhafter als die Schläge", sagt Melis und beginnt zu weinen. "Lachen und Weinen liegen hier oft ganz eng beieinander", sagt Eva K. Filiz entgegnet: "Hier habe ich so viel gelacht wie in meinem ganzen Leben nicht." Sie ist 16 Jahre, seit fünf Wochen hier.

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