Berlin : Tagesspiegel-Spendenaktion für Obdachlose: Bei Anruf Notbett

Hartmut Mund ist der richtige Mann für diesen Job. "Ich war selber mal obdachlos, das kommt mir jetzt zugute." Mund sitzt in einem Kellerraum des Übergangswohnheims "Peter-Frank-Haus" in Neukölln am "Kältehilfe-Telefon" und wartet auf den ersten Anruf. Der "Ehemalige" weiß, was Obdachlose brauchen: Ein Dach über dem Kopf wenigstens für eine Nacht. Der Telefondienst, den er seit drei Monaten täglich vier Stunden versieht, hilft jenen Obdachlosen, die sich für den Winter keinen Wohnheimplatz gesucht haben und so lange wie möglich "Platte machen". In Munds Computer sind Daten von 720 Notübernachtungen und Nachtcafés gespeichert. Die Einrichtungen melden ihm täglich ab 19 Uhr freie Kapazitäten, Obdachlose können sie bis 23 Uhr abfragen.

Das Kältehilfe-Telefon des Diakonischen Werks Neukölln-Oberspree dagegen leistet seit 1997 Nothilfe in letzter Minute. Momentan ist das Projekt selber in Not: Der langjährige Telefonist, der aus ABM-Mitteln bezahlt wurde, ist im September gestorben. Die Stelle fiel weg. Hartmut Mund ist eingesprungen, ehrenamtlich. Das Diakonische Werk muss derzeit eher Projekte streichen, als dass es eine neue Stelle einrichten könnte. Die Sachkosten auch für den Druck des jährlich erscheinenden Wegweisers der Kältehilfe teilen sich der Kirchenkreis Neukölln, Diakonie und das Peter-Frank-Haus. Die Spenden der Tagesspiegel-Leser könnten die Miete, Druckkosten, Büromaterial und Telefonrechnungen für einen längeren Zeitraum sichern und bei den Organisationen Luft schaffen für Honorarmittel.

Um fünf nach sieben klingelt zum ersten Mal an diesem Abend das Telefon. Ein Mitarbeiter der Notübernachtung an der Evangelischen Epiphanien-Gemeinde in Charlottenburg ist dran. Drei von acht Notbetten sind noch frei in dem Keller hinter der Kirche in der Knobelsdorffstraße. Die übrigen fünf sind schon mit "Stammgästen" belegt. Einmal telefonisch in ein Quartier vermittelt, kommen sie wieder, wenn es ihnen gefällt, sagt Pfarrer Bernd Hoffmann. "Das sind oft die ersten mitmenschlichen Kontakte seit langer Zeit, der erste Schritt, wieder gemeinschaftsfähig zu werden." Der Obdachlosen-Seelsorger hat das Kältehilfe-Telefon nach Neukölln geholt, als es 1996 vom Übergangswohnheim in der Tiergartener Franklinstraße wegen Personalmangels aufgegeben wurde.

Die Schwelle, in eine Notübernachtung zu gehen, soll so niedrig sein, dass auch Menschen kommen, die bislang nur schlechte Erfahrungen mit Sozialarbeit und Behörden gemacht haben. Es gehe letztlich darum, die Leute im Winter vor dem Erfrieren zu bewahren, sagt Rainer Wagner, Sozialarbeiter im Peter-Frank-Haus. "Keine Namen, kein Ausweis, keine Aufnahmeprozedur", lautet die Regel. Eine andere Regel ist allerdings: "Kein Alkohol." In keiner der Notunterkünfte darf getrunken werden. Einige Kirchengemeinden, die ihre Räume nachts für Obdachlose öffnen, lehnen es auch ab, Angetrunkene aufzunehmen.

Für die schweren Fälle und für die, die kein Bett mehr abbekommen, gibt es Nachtcafés. Von den 720 Plätzen stehen nur 280 Notbetten täglich zur Verfügung. Hinzu kommen Anlaufstellen vor allem in Kirchengemeinden, die in der Regel einmal in der Woche zwischen 19 Uhr und 8 Uhr morgens geöffnet haben und sowohl Sitz- als auch Liegeplätze auf Isomatten anbieten. Brote und Tee vor dem Schlafengehen gibt es fast überall, Duschen nur manchmal. Problemfälle sind nicht nur schwere Alkoholiker, sondern auch Obdachlose mit Haustieren. Hunde werden berlinweit nur in zwei Einrichtungen mit aufgenommen. Zu den Kunden des Kältehilfe-Telefons gehört auch der Kältebus. Der Transporter der Stadtmission fährt von 20.30 Uhr bis in die frühen Morgenstunden Bahnhöfe und Parks ab, um hilflose Obdachlose aufzusammeln. Ein Anruf bei Hartmut Mund - und der Mann oder die Frau haben ein trockenes Plätzchen für die Nacht. AMORY BURCHARD

Der Tagesspiegel bittet in diesem Jahr um Spenden für zehn verschiedene Obadachlosenprojekte, die in einer Serie vorgestellt werden. Empfänger: Spendenaktion Tsp. e.V./Obdachlose, Konto-Nr. 8888 bei der Berliner Sparkasse (BLZ 100 500 00). Bei Überweisungen per Internet: Konto-Nr. 25 003 09 42 (Berliner Sparkasse). Die Namen der Spender werden im Tagesspiegel veröffentlicht. Wenn Sie keine Veröffentlichung wünschen, bitte auf der Einzahlung vermerken ("kein Name"). Wer auf der Überweisung die genaue Adresse angibt, erhält eine Spendenbescheinigung.

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