Berlin : Tagesspiegel-Spendenaktion für Obdachlose: Erst einmal zur Ruhe kommen

Amory Burchard

"Bisschen schlafen, wie jeder so, bisschen spazieren gehen." Sven macht nicht viel im Moment, und das ist gut so, sagt sein Sozialarbeiter. Klaus Friesen "verlangt" von dem 27-Jährigen vor allem eines: "Er soll hier erst einmal zur Ruhe kommen." Sven leidet unter einer Psychose, die vor knapp zehn Jahren durch Drogenkonsum ausgelöst wurde. Er hat schon oft Therapien angefangen und wieder abgebrochen, ist in betreuten Wohngemeinschaften untergekommen und wieder davongelaufen. Zuletzt lebte Sven halb bei seiner Mutter und halb auf der Straße. Mitte November bekam er ein Zimmer bei Prowo e.V., einem Kreuzberger Wohnprojekt für psychisch kranke Obdachlose.

Große Pläne für einen wie Sven zu machen, ist nicht die Sache der Sozialarbeiter von Prowo. Klaus Friesen und seine Kollegin Heidi Niehus sind schon froh, wenn einige der sechs Bewohner der beiden Etagen, die Prowo in einem Haus der Diakonie in der Wrangelstraße mietet, nach dem gemeinsamen Essen am Freitagmittag noch ein bisschen bleiben, um eine zu rauchen und zu reden. Psychisch Kranke, die obdachlos geworden sind, weil sie es über Jahre nicht geschafft haben, in eine Therapie zu gehen und dabei zu bleiben, seien die schwierigste Gruppe, sagen die Sozialarbeiter. Viele leiden an Wahnvorstellungen, zu große Nähe zu Mitbewohnern führt zu Verfolgungsängsten. Nach einer Odyssee durch Kliniken und Heime lehnen es psychisch Kranke oft ab, Psychopharmaka einzunehmen. Sie sind unruhig, aggressiv.

Sven ist ein sehr nervöser, aber friedfertiger Zeitgenosse. Er geht spazieren, wenn ihm die Decke auf den Kopf fällt. "Gestern war ich draußen im Regen und dachte, es wäre schlimm, wenn ich jetzt keine Wohnung hätte", sagt er. Sein Zimmer bei Prowo ist tabu für den Tagesspiegel. Sven konnte sich noch nicht aufraffen, sich um seine eigene Einrichtung zu kümmern, die das Sozialamt bezahlen würde. Deshalb lebt er in den zusammengewürfelten Möbeln aus der Notfallaufnahme des Projekts. Vom Spendengeld der Tagesspiegel-Leser würde Prowo gerne drei neue Zimmerausstattungen für Menschen kaufen, die von der Straße kommen; und einige Dinge, die das Sozialamt auch schwer kranken Bewohnern oft nicht bezahlt: Matratzen zum Wechseln, Kopfkissen und Bettdecken und Bettwäsche.

Das Zusammenleben der sechs kranken Männer und Frauen und vier Sozialarbeiter sei für alle Beteiligten nicht leicht, sagt Klaus Friesen. Gerade könnten die Bewohner und das Team ein bisschen aufatmen, weil eine Frau ausgezogen ist, die Tag und Nacht schrie und schimpfte. Zu ihr hat das Team den Kontakt verloren. Die Bewohner gegen ihren Willen halten oder in Krankenhäuser einweisen lassen können und wollen die Sozialarbeiter nicht. In die Wohngruppe sind Ruhephasen zurückgekehrt. "Wenn man hier arbeitet, muss man viel aushalten können," sagt Sozialarbeiterin Heidi Niehus. Für die Kranken ist das, was ihnen die anderen Menschen zumuten, oft unerträglich. Zum Beispiel für die an Schizophrenie erkrankte Frau M., die im Gemeinschaftsraum stumm mit am Tisch sitzt, und bei jeder unerwarteten Bewegung zusammenzuckt.

Es gibt durchaus kleine Erfolgsstories aus der Wrangelstaße: Das gemeinsame Plätzchenbacken an einem Adventssonntag war die erste Gemeinschaftsaktion, die Sven mitgemacht hat. Friesen ist zuversichtlich, dass der junge Mann den ausgemachten Termin bei einem Psychiater einhält. Positiv überrascht waren die Sozialarbeiter im Sommer, als sie den Bewohnern Ballspiele im nahe gelegenen Park und Ausflüge in die nähere Umgebung anboten. Da wurde noch ein Wunsch wach, ein ganz normaler und zukunftsweisender für das nächste Frühjahr: Sechs Fahrräder für gemeinsame Touren durch den Kiez und ins Grüne.

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