Berlin : Tagesspiegel-Spendenaktion: Wenigstens einmal am Tag etwas Warmes essen

Tanja Buntrock

Sozialarbeiter Wolfgang Werner schleicht über den Linoleumbelag im oberen Stockwerk der Anlaufstelle "Subway". "Einige Jungs haben sich gerade schlafen gelegt", flüstert er und führt uns in sein Büro. Die schlafenden "Jungs" sind so genannte Stricher, die oft aus zerrütteten Familien kommen. Die meisten leben auf der Straße, für ein eigenes Dach über dem Kopf wird es wohl nie reichen. "Viele sagen, dass sie keine andere Möglichkeit sehen, um zu überleben", erklärt Werner. Subway in der Nollendorfstraße 31 bietet ihnen eine Alternative zur Straßenszene. Hier können sie während der Tagesöffnungszeit etwas Warmes essen, sich duschen, ihre Wäsche waschen und vor allem "sich ausruhen oder schlafen, ohne befummelt zu werden", sagt Werner, "eine garantiert Freier-freie Zone".

Doch das Geld beim 1992 von Sozialarbeitern gegründeten Projekt ist knapp. Finanziert wird Subway vom Landesjugendamt jährlich mit 250 000 Mark und vom Landesverband der Berliner Aids Selbsthilfegruppen (LaBAS) mit 200 00 Mark. Nächstes Jahr droht allerdings eine Kürzung von rund 20 000 Mark. Die Spenden der Tagsspiegel-Leser könnten hier helfen: Besonders Hepatitis-B-Impfstoffe und andere Medikamente, die in der medizinischen Ambulanz gebraucht werden, verschlingen viel vom Etat. Ebenso Miete, Verpflegung und Hygieneartikel. "Die Jungs haben oft nur das, was sie am Leib tragen. Deswegen benötigen wir Unterwäsche und Socken, aber auch Kleidung", ergänzt Werner. Gerne würden die Sozialarbeiter mit den Jugendlichen auch einmal im Jahr wegfahren. "So kommen sie mal ganz raus aus der Szene."

Auch beim langfristigen Ausstieg aus der Obdachlosigkeit und der Stricher-"Karriere" helfen die fünf Sozialarbeiter. Sie begleiten die Jugendlichen zum Sozial- oder Jugendamt, vermitteln ihnen Wohnplätze in betreuten Projekten. Zwei Dolmetscher kümmern sich um die ausländischen Jungen. In der Stadt stranden viele Jugendliche aus Osteuropa und beginnen anzuschaffen.

Bei Subway bekommen sie auch medizinische Hilfe. Um ihre Gesundheit kümmern sich die Jungen nur wenig. "Auf der Straße zu leben, ist einfach ungesund - physisch und psychisch", erklärt der Sozialarbeiter. Neben "normalen" Krankheiten wie Erkältungen leiden sie häufig auch unter Geschlechtskrankheiten. Jeden Freitag von 14 bis 16 Uhr hält Antje Gößwald im Behandlungszimmer der Anlaufstelle Sprechstunde. "Bei schwereren Krankheiten muss ich die Jungs ins Krankenhaus schicken, alles andere kann ich meistens mit den Medikamenten, die wir hier haben, behandeln", erklärt die Ärztin. Sie berät und behandelt insbesondere HIV-Infizierte. "Aids ist natürlich in der Stricherszene eine große Gefahr."

Aber auch Hepatitis B, die durch Sexualkontakte übertragen wird. Von Antje Gößwald können sie sich impfen lassen. Drei Impfungen, über ein halbes Jahr verteilt, sind dafür nötig. Julian ist 18 Jahre alt und geht schon seit mehreren Jahren anschaffen. Seine Eltern hätten ihn verstoßen, weil er lernbehindert sei, sagt Julian. Am Hamburger Hauptbahnhof traf der Junge einen Stricher, der ihn in die Szene führte. Immer wieder wurde er am Bahnhof aufgegriffen und ins Jugendheim gesteckt. Doch genauso oft riss er aus und landete erneut in der Stricherszene. Zu Subway kommt er hauptsächlich, um über "persönliche Sorgen" zu sprechen - und über seine Zukunftspläne: "Den Hauptschulabschluss nachmachen und dann eine kaufmännische Lehre." Außerdem wird das Leben als Stricher für ihn zunehmend schwieriger. Mit 18 Jahren gilt man in der Szene schon fast als zu alt.

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