Berlin : "Taking Sides": Ein Musiker in den Fängen der Macht

Stephan Wiehler

"Was soll ich sagen?", fragt der Filmregisseur István Szabó am Donnerstagvormittag in der Philharmonie. Zum Auftakt der Dreharbeiten für den Film "Taking Sides" über den Dirigenten Wilhelm Furtwängler und dessen Rolle im Nationalsozialismus sucht der vierfache Oscar-Preisträger nach passenden Worten. Es falle ihm schwer, etwas zu sagen, gesteht er. "Ich gehe schwanger mit diesem neuen Baby."

Dabei ist das Thema des Films für den 62-Jährigen kein neues. Seit seinem Welterfolg "Mephisto" von 1980 bilden die Verhängnisse von Künstlern in den Fängen der Macht einen roten Faden im Werk des Filmregisseurs. Den Film über den Entnazifizierungsprozess des berühmten ehemaligen Chefs der Berliner Philharmoniker und Staatsrats der NS-Reichsmusikkammer im Jahr 1946 sieht er dennoch als "große Herausforderung". Es sei seine erste Regiearbeit, bei der er am Drehbuch nicht beteiligt gewesen ist. Für die 24 Millionen Mark teure Verfilmung des gleichnamigen Bühnenstücks des britischen Dramatikers Ronald Harwood hat Produzent Yves Pasquier nach Szabós Worten "eine schauspielerische Traumbesetzung" verpflichtet. Neben Harvey Keitel, der die Rolle des Vernehmungsoffiziers spielen wird, steht der schwedische Schauspieler Stellan Skårsgard als Wilhelm Furtwängler vor der Kamera. In weiteren Rollen werden Ulrich Tukur, Moritz Bleibtreu sowie Birgit Minichmayr zu sehen sein. Auf die 23-jährige Schauspielerin vom Wiener Burgtheater habe ihn sein Freund Klaus Maria Brandauer aufmerksam gemacht, erzählt Istvßn Szabó. "Du musst dieses Mädel anschauen, hat er mir gesagt, sie wird ganz groß im deutschsprachigen Raum."

Bis auf Harvey Keitel, der an diesem Morgen noch im Flugzeug über dem Atlantik sitzt, sind sie alle zur Vorstellung des Filmprojekts in der Philharmonie erschienen, bevor "Taking Sides" in den kommenden achteinhalb Wochen in Dresden, Berlin (unter anderem im Berliner Dom) sowie in den Filmstudios Babelsberg gedreht wird.

Der Film soll an möglichst vielen Originalschauplätzen entstehen, erzählt Production Designer Ken Adam. "Es hat mich gereizt, das Kammerstück der Bühnenvorlage für die große Leinwand auszustatten", sagt der oscarprämiierte Altmeister. Istvßn Szabó kündigt den Zuschauern "wunderbare Landschaften" an - und meint die "Gesichter der Schauspieler". Dass Furtwängler-Darsteller Stellen Skårsgard freimütig bekennt, zur Musik nur eine amateurhafte Beziehung zu haben, scheint den Regisseur nicht zu stören. Szabó will kein moralisches Urteil über den Dirigenten fällen, der 1946 überdies von allen Vorwürfen freigesprochen wurde. An Furtwänglers Credo, Politik und Kunst hätten nichts miteinander zu tun, glaubt Szabó allerdings ebenso wenig: "Die Frage lautet: Wann werden Kompromisse tödlich?"

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