Berlin : Taktik ist alles

Jens Karrass über den richtigen Plan im Wettkampf

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Es mag für Anfänger etwas ungewohnt klingen, aber man sollte sich vor jedem Wettkampf einen Plan zurechtlegen. Der gibt Sicherheit und Spielraum. Und er hilft bei der Konzentration. Dazu gehen Sie am Vortag Ihre Trainingsvorbereitung im Kopf durch. Selbsteinschätzung: Wie sieht die beste Endzeit aus? Wie wollen Sie das Rennen angehen?

Beim ersten Marathon sollten Sie eher verhalten planen, die erste Hälfte eher langsam ansetzen. Wenn Sie im Verlauf des Rennens merken, dass Sie Kraft haben, können Sie sich zum Ende hin nach Lust und Laune steigern. Schnell starten und sich die letzten zehn Kilometer quälen, das schmerzt mehr und bringt definitiv eine schlechtere Endzeit. Diesen Fehler machen viele der 35000 Teilnehmer des BerlinMarathon immer wieder.

Sie dagegen bleiben cool. Denken Sie stur nur an sich, lassen Sie sich von Ihren Nebenleuten nicht irritieren. Die sehen Sie später alle wieder. Kontrollieren Sie Ihre Zwischenzeiten. Machen Sie Ihr eigenes Rennen. Die Kunst, am eigenen Plan festzuhalten, muss geübt werden. Dazu gehört auch die Fähigkeit, flexibel auf Unvorhergesehenes zu reagieren. Was ist, wenn es regnet? Wenn Sie bei Kilometer 20 einen Einbruch erleiden? Für all diese Fälle brauchen Sie ein Repertoire. Wenn Sie gegen Konkurrenten antreten, dann müssen Sie mental stark sein. Zu Ihrem Plan kommt der Ihres Gegners. Was ist, wenn der bei Kilometer 25 plötzlich anzieht? Blitzschnell müssen Sie entscheiden, ob Sie folgen. Oder ob Sie ihn im Moment ziehen lassen, weil Sie ahnen, dass er sich übernimmt.

Spannend wird es auf den letzten 2,3 Kilometern. Sie können den Rhythmus gerade noch halten, aber das weiß Ihr Konkurrent nicht. Beobachten Sie ihn. Ist er kaputt? Blufft er? Konzentrieren Sie sich, atmen Sie für eine Minute extrem ruhig. Dann müssen Sie sich trauen: Ihre Tempoverschärfung muss aktiv erfolgen. Wenn Sie dann noch kurz in die Augen Ihres Gegners schauen und lächelnd übermitteln: Komm, wir rennen jetzt, dann haben Sie ihn vielleicht taktisch geschlagen.

Vielleicht. Wenn er aufschließt, Sie gar überholt, dann hilft nur kämpfen. Konzentrieren Sie sich. Er revanchiert sich gerade, na und? Wenn Sie es schaffen dranzubleiben, kann die nächste Runde beginnen: noch ein Kilometer bis ins Ziel und noch mal Tempo machen. Und nicht vergessen: überlegen lächeln.

Jens Karraß, 36, war Spartakiade-Sieger, Deutscher Meister und gehörte 1991 zu den vier schnellsten Männern der Welt über 10km auf der Straße. Er arbeitet als Personal Trainer und Fitnesscoach, leitet

in Berlin den AOK-Frühstückslauf und ist seit 2000 Lauf-Botschafter für Unicef.

www.jens-karrass.com

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