Berlin : Tango: Tanzen unterm Sternenhimmel

Andreas Oswald

Leise durchdringen die Klänge des Bandoneons die Nacht. Mehr als hundert Tangopaare schieben sich über den Platz. Zu hören ist nur die Tangomelodie, die aus dem kleinen Gettoblaster dringt und ein leises Knirschen, das die Paare verursachen, wenn sie über den Steinboden gleiten.

Tango im Freien, ob am Kulturforum vor dem Kunstgewerbemuseum oder hinter der Neuen Nationalgalerie, vor der Alten Nationalgalerie oder am Großen Stern, ist das Außergewöhnlichste, was die Tangoszene zu bieten hat. Die Ruhe des Ortes, die stille Konzentration, diese eigentümliche Intimität, sind in keiner Saalveranstaltung in diesem Maße zu finden. Heute abend beginnt wieder die Open-Air-Saison. Am Kulturforum vor dem Kunstgewerbemuseum. Wenn das Wetter mitspielt. Obwohl es heute mehrfach kurz regnen wird, soll es gegen Abend trocken sein, versprechen die Meteorologen. Auch das gehört zum Tango im Freien. Die Tänzerinnen und Tänzer, die sich finden wollen, können nie wissen, ob das Ereignis wirklich stattfindet. Bei Regen fällt es aus. Diese Ungewissheit, und das Angewiesensein auf Mund-zu-Mund-Propaganda machen ganz wesentlich den Reiz des Open-Air-Tangos aus. Die Tangueras und Tangueros verständigen sich oft ganz kurzfristig auf einen Ort und einen Zeitpunkt, wo sie sich im Freien treffen, um unter sich zu sein. Dann kann es passieren, dass nächtliche Passanten in stillen Seitenstraßen in Mitte plötzlich auf eine kleine Gruppe von Paaren stoßen, die Tango tanzen.

Noch ist nicht abzusehen, welche Überraschungen der Sommer zu bieten hat. Fest stehen erst der Sonnabend am Kulturforum, sowie die Tango-Veranstaltungen montags im Hof der Kulturbrauerei. Dort gibt es den Soda-Tango-Club. Regnet es, findet die Veranstaltung wie im Winter im Tangosaal statt. Sollte es heute abend regnen, müssen die Tangotänzer schon einen weiteren Weg in Kauf nehmen, um sich zu vergnügen. Sonnabends ist das Ballhaus Rixdorf der wichtigste Tangoplatz. An Pfingsten findet hier ein Tangomarathon statt. Am Sonnabend geht es um 18 Uhr los, getanzt wird durchgehend bis Montag um 12 Uhr.

Die Berliner Tangoszene erlebt derzeit einen neuen Schwung, das zeigen immer neue Veranstaltungen, die ein immer größeres Publikum anziehen. Berlin ist zum Anziehungspunkt vieler Tangotänzer und Tangomusiker aus Buenos Aires geworden, die hier auftreten und Unterricht geben. Dabei ist es eine Ironie, dass Tango in Buenos Aires jahrzehntelang völlig out war und erst der Boom in Berlin und Paris eine Renaissance in Buenos Aires auslöste. So sind Berliner Tänzer und Musiker in Buenos Aires die großen Stars, weil sie als Begründer des Booms gelten, und die Argentiner sind die Stars bei uns, weil sie als das Original gelten.

Die Berliner Sängerin Ana Fonell trat jüngst sehr erfolgreich in Buenos Aires auf und hat jetzt eine neue Veranstaltungsreihe in der Trompete am Lützowplatz begründet. Jeden dritten Mittwoch im Monat tritt sie dort auf. Der erste Abend am letzten Mittwoch lockte viele, die die Tangoszene noch nicht von innen kennen. Mittwochabend war früher für Tangotänzer ein Muss. Der Rote Salon in der Volksbühne war legendär. Inzwischen wird dort nur noch einmal im Monat getanzt. Nächsten Mittwoch treten dort zwei Bands in zwei Sälen auf.

Im vergangenen Jahr machten sowohl die Neue wie die Alte Nationalgalerie den Tangueros das Leben schwer und belegten die Veranstaltungen vor und hinter den Museen mit Verbot. Dabei gibt es nichts friedlicheres als Tangotänzer, die zudem die Mueumsplätze zu einem nächtlichen Anziehungspunkt machen. Doch solche Schwierigkeiten ficht die Tangoszene nicht an. Sie findet kurzfristig immer neue Plätze, die sich per Mundpropaganda herumsprechen. Ein Open-Air-Ereignis kann dagegen garantiert stattfinden. Im Podewil gibt es ab 6. Juni jeden Samstag Tanz im Freien, mit den besten Bands, die zu haben sind.

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