Berlin : Tanz den König Ludwig

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Von Thomas Loy

Hermsdorf. Affektiert sollte es schon aussehen, mes dames et messieurs. Unbedingt maniriert und ein wenig blasiert, si vous voulez. Kokett und dünkelhaft und filigran die Bewegungen, comme il faut. Auch ein Quentchen Snobismus in der Mimik kann nicht schaden. Das große Vorbild ist Ludwig XIV., der Sonnenkönig. Ingo Günther kann ihn schon ganz gut imitieren: Die Lockenperücke, das mit goldenen Bändern und Ketten behängte Jackett aus einem Stoff, den man sonst nur auf alten Sofas findet, die Kniebundhose, das zarte Lächeln. Ein Beau in der Pose des Narziss.

Nun ja, die Kulisse ist, malheureusement, nur der ausgebaute Dachboden seines Hauses in Hermsdorf. Hier residiert das „Institut für historischen Tanz“. Aus dem Lautsprecher schmettern die Fanfaren zu Händels Feuerwerksmusik. Das Barocktanzensemble „contretem(p)s“ trainiert den Rigaudon für die Aufführung bei den Darmstädter Schlossfestspielen. Da gehört zu jedem Takt ein bestimmter Schritt, eine Drehung der Hand, ein kurzes Hüpfen oder eine Verbeugung. Fast wie im Ballett. Plié! Pas de bourré! Balancer! Jetzt bitte zur Seite umfallen, die Arme dabei öffnen und den Körper federnd abfangen. Die Damen tanzen vor den Herren, dann treffen sich die Paare, drehen sich wieder auseinander, die Damen umkreisen die Herren und bitte alles taktsynchron und hübsch symmetrisch. Ein erbarmungslos durchkomponierter Bewegungsablauf. Wie aufgezogene Spieluhrfiguren spulen die Barocktänzer ihr Programm ab. Jeder Schritt ist in einer speziellen Tanzschrift codiert, deren Strichsymbole auf dem weißen Papier wie Schleifspuren im Schnee wirken. Architekturstudent Christian Kunowsky aus altem ukrainischem Adel hat die Figur von John Malkovich in „Gefährliche Liebschaften“. Schlacksige Glieder, längliches Gesicht, spitzer rotgefärbter Kussmund. Nur das perfide Kalkül fehlt ihm. Christian barockt nicht aus niederen Motiven, sondern weil er das Barock „als Gesamtkunstwerk“ verehrt und die Menuettszenen in den einschlägigen Genrefilmen schon immer toll fand. Seine Tanzpartnerin Sabine Krüger, Physiotherapeutin, entwickelt im vollen Ornat eine besondere Begabung zum höfisch-verschämten Kichern hinter dem Schutzschild eines Fächers. Sie erfüllt sich ein wenig ihren Kindheitstraum, eine wunderschöne Prinzessin zu sein, der ein begehrenswerter Verehrer den Hof macht. Doch die Basis dieses Traumbildes ist striktes, hartes Training. „Da muss man sich durchbeißen.“ Unzählige Schrittsequenzen werden einstudiert, dazu eine stets grazile Haltung und ein verzücktes Lächeln, den Kopf immer geradeaus gerichtet. Ludwig XIV. erhielt schon mit sechs Jahren täglich Tanzunterricht. Der Barocktanz des französischen Hofes ist für seinen Anhänger die höchste Form der Tanzkunst – danach kam die Revolution, und das Volk wollte sich ohne den adligen Pomp und Zierat einfach vergnügen. Das Barocke geriet in Misskredit. Ingo Günther, Lehrer für Musik und Englisch, barockt schon seit 30 Jahren, gibt Kurse an der Volkshochschule zu historischen Tänzen, auch einfacheren aus der Zeit der Renaissance oder des Biedermeier. Trotz der aktuellen Tanzbegeisterung fehlt ihm der Nachwuchs. Der Anfängerkurs kam in diesem Jahr nicht mehr zustande. Das betrübt den Maestro schon etwas. Barocktanz sei wohl etwas zu exotisch, vermutet er. Vegleichbar mit dem Anspruch, Geige zu spielen. Da braucht es schließlich auch Jahre, bis ein präsentabler Ton herauskommt.

Barockkurse laufen wieder ab Herbst in der VHS Mitte und in Reinickendorf. Infos im Internet unter www.contretemps-berlin.de

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