Berlin : Tanz den Tito

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Von Henning Kraudzun

Der Funke hat gezündet. Das Publikum folgt willig den Rhythmen aus den den Lautsprecherboxen auf die Tanzfläche. Und das noch vor Mitternacht, wenn in anderen Clubs die ersten Nachtschwärmer gelangweilt in den Ecken sitzen. Im Oxymoron in den Hackeschen Höfen scheint dagegen schon der Boden zu beben. In der Balkandisco nähert sich die Stimmung dem Siedepunkt, gerade sind die großen Hits an der Reihe. Schnelle Bläsermusik, die so typisch ist für den Südosten Europas, lässt die Tänzer wie aufgezogen hüpfen und klatschen. Ausgelassen feiern sie den Tag der Jugend, die Luft ist zum Zersäbeln dick.

Was für viele Bosnier, Serben und Kroaten im Publikum nur noch Anlass für eine wilde Party ist, hatte im ehemaligen Jugoslawien eine ganz andere Bedeutung. Dan mladosti, der Tag der Jugend, war eine sozialistische Mammutveranstaltung. An seinem Geburtstag feierte Staatsgründer Josip Broz Tito zusammen mit den Jugendkollektiven. Quer durch das Land trugen Pioniere einen Staffelstab, der Beste von ihnen durfte diesen an Tito übergeben. Anschließend fanden überall große Feiern und Konzerte statt.

Ein wenig Huldigung für Tito, ein wenig Ironisierung der selber erlebten sozialistischen Zeiten - so zelebriert die DJ-Brigade „Balkan Beats“ alljährlich jenen Feiertag, der fast in Vergessenheit geraten war. Zuerst in der Kreuzberger „Arcanoa Bar“, dann in besetzten Häusern oder im Club der Visionäre - jedes Jahr suchen sie sich einen anderen Ort. „Das Oxymoron ist dabei der erste kommerzielle Ausflug, aber hier haben wir weniger Stress“, sagt Robert, einer der DJs.

Um sich von der Schickeria ringsherum abzusetzen, soll das Motto des Abends hilfreich sein: „Wir gehören Tito, und Tito gehört uns!" Dabei will man nicht Tito als Staatschef vergöttern, der natürlich seine Schattenseiten hatte. „Wir respektieren ihn als Mensch, dafür, dass er mit 80 Jahren noch seine Haare rot gefärbt hat“, sagt Robert. Er habe auch die große Musikszene in Ex-Jugoslawien gefördert. Und diese Bandbreite an Musik kann jeder Gast auf ihrer Balkandisco erleben: Multinational und tanzbar; schneller Folk, gefolgt von Schlagerklassikern und trashigem Punk. Das bringt den Saal zum Brodeln und wird vielleicht wieder zum Hype.

Doch das will „Balkan Beats“ verhindern: „Osteuropäische Musik ist derzeit schwer angesagt, wir machen aber bei dem Kaminer- Zirkus nicht mit“, sagt Sasa, der andere DJ. Zu durchgestylt dürfe kein Club für die Balkandisco sein, sonst wirke das Ganze aufgesetzt. Deshalb will er zusammen mit Robert in den nächsten Wochen wieder dort auflegen, wo ihre Discoreihe vor Jahren begonnen hat: Auf Privatpartys und in den kleinen Kneipen seines Kreuzberger Kiezes. Dort sei die Stimmung noch besser. Und bis Mitternacht muss dort erst recht keiner warten.

Die nächsten Veranstaltungen unter: www.balkanbeats.de

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