Berlin : Tanz unterm Regenbogen

Erst strahlte die Sonne, dann kam der Guss – Zehntausende feierten am Sonnabend eine Party für die Gleichberechtigung

Juliane Schäuble

Die 150 Männer in ihren kornblumenblauen Polohemden waren nicht zu übersehen. Die durchtrainierten Sänger des „Boston Gay Men’s Chorus“ liefen an der Spitze des Umzugs. Sie sind in Europa auf Konzertreise und traten im „Haus der Kulturen der Welt“ auf. Den Christopher Street Day (CSD) wollten sie sich nicht entgehen lassen. Ihre Gesangseinlagen waren erst gegen Ende der Parade eingeplant. Die meisten der rund 5000 Teilnehmer des 27. Christopher Street Day wollten aber nicht bis zur Abschlusskundgebung an der Siegessäule warten und tanzten schon während des Umzugs zu Beats aus den Boxen der über 50 Motivwagen.

Hunderttausende Passanten jubelten ihnen dabei auf dem Weg vom Kurfürstendamm über den Potsdamer Platz bis zur Siegessäule zu und legten selbst spontane Tänzchen ein. Besonders die farbenprächtigen Fantasiekostüme der Drag Queens und die spärlich bekleideten Schwulen und Lesben zogen die Blicke der Zuschauer auf sich. Maria und Filippo Vitale, beide Rentner, die übers Wochenende angereist waren, fühlten sich an den Kölner Rosenmontagsumzug erinnert. „Die Zeiten, dass so eine Homosexuellen- und Transsexuellen-Parade provoziert, sind vorbei“, sagte Karin Hawkes vom Möbelgeschäft Neiriz am Kurfürstendamm.

Aber es ging den Veranstaltern der Parade um mehr als nur Musik, Tanz und Lebensfreude. Nachdem polnische Politiker eine ähnliche Schwulen-Demonstration in Warschau erneut verboten hatten, stand der CSD-Umzug unter dem Motto „Unser Europa gestalten wir!“ Alle politischen Parteien waren mit eigenen Wagen vertreten, genauso wie die „schwulen Retter“ der Feuerwehr, BVG, Polizei und eine kleine Gruppe schwuler Bundeswehrsoldaten. Die Grünen versuchten Wahlkampf mit Sprüchen wie „Merkel verhüten“, die „Wahlalternative lesbische Feger“ warb für eine „Heterosteuer“ anstelle einer Mehrwertsteuererhöhung.

Zu Beginn des Umzugs gegen 12.30 Uhr am Kürfürstendamm strahlte die Sonne bei über 30 Grad, nach der Hälfte der Strecke fing es an zu regnen – für viele eine willkommene Abkühlung. Die Parade endete an der Siegessäule, wo der Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD), gegen 18 Uhr die Abschlusskundgebung eröffnete. Er warnte vor Rückschritten bei der Gleichberechtigung Homosexueller. In Deutschland fehlten weiterhin viele Gesetze zur Gleichstellung. „Wir sind eine wichtige gesellschaftliche Gruppe, und wir werden uns unser Recht auf Gleichberechtigung nicht wegnehmen lassen“, sagte Wowereit. Auf der anschließenden Open-Air-Party feierten Teilnehmer und Zuschauer trotz des wieder einsetzenden Regens bis tief in die Nacht hinein.

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