Berlin : Tanze mit mir in den Morgen

Fans und Wegbegleiter verabschiedeten sich vom Techno-Club Tresor mit einem Party-Marathon. Nonstop hämmerten seit Freitag die Beats

Nana Heymann

Es scheint, als solle das schwarze Plakat mit den weißen Lettern den Besuchern Hoffnung zusprechen, ganz so, als könnte vielleicht doch noch ein Wunder geschehen: „It’s not over“, prangt es in schnörkelloser Schrift links neben dem Eingang des Tresors in der Leipziger Straße in Mitte. Und während einige Gäste, dem Tageslicht entgegenblinzelnd, den unterirdischen Club verlassen, ist die Schlange der auf Einlass Wartenden am Sonntagnachmittag immer noch lang. Am Abend vorher musste die Polizei eine Fahrbahn absperren, so groß war der Andrang tausender Partygänger.

Ein Wunder, so viel ist gewiss, wird den Tresor nicht retten. Wenn am Montag die letzten Technofans das marode Kellergewölbe verlassen und Unmengen leerer Flaschen und Müll zurücklassen, werden schon bald darauf die ersten Bagger kommen, um die einstige Kultadresse in Sachen Techno in einen Bürokomplex der Volksfürsorge zu verwandeln – das endgültige Ende einer Ära.

Doch daran mag Janine Pohl jetzt noch gar nicht denken. Gemeinsam mit ihren drei Freundinnen nahm sie stundenlanges Anstehen in Kauf, um sich ein letztes Mal den rauen, stampfenden Beats hinzugeben. Berauscht und gedankenverloren steht sie inmitten der überhitzten Menge, ihr Körper zuckt zum treibenden Sound. Manchmal, wenn das elektrische Soundgewitter einem Höhepunkt entgegendonnert, reißt die zierliche, eher unauffällige Blondine ihre Arme in die Luft und jubelt. Den Tresor persönlich zu verabschieden, ist für sie und ihre Freundinnen „Ehrensache“.

Ähnlich sieht das auch Stephan Reichert. „Ich musste heute unbedingt herkommen, um noch einmal alte Erinnerungen hochgehen zu lassen“, sagt der 28-Jährige. Er kennt den Club seit den späten Neunzigern und kam vor allem wegen „der ausgelassenen Atmosphäre“ – obwohl er selbst „nicht unbedingt Technofan“ ist. Das Besondere am Tresor sei das Gefühl des „Vertrauten und doch immer wieder aufregend Neuen“, sagt der Student, der als DJ Houseboat selbst regelmäßig in verschiedenen Berliner Clubs an den Plattentellern steht.

Indes überlegt Tresor-Besitzer Dimitri Hegemann schon mal, ob dieses Gefühl nicht auch woanders zu erzeugen wäre: Er will die legendäre Tresoranlage ausbuddeln und an einen anderen Ort versetzen lassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar