Berlin : Tanzen in der Klimaanlage: Performance an einem ungewöhnlichen Ort

Stefanie Grupp

Ein Raum ist begehbar. Aber eine Klimaanlage? Da erwartet man ein kompaktes, Plastikgehäuse, mehr nicht. Doch auch eine Klimaanlage kann begehbar sein - wenn sie zum Inventar des Haus des Lehrers (HdL) am Alexanderplatz zählt, wo derzeit ohnehin alles möglich zu sein scheint. Die Theatergruppe des Vereins Kreativhaus nutzt den skurrilen Kühlraum nun für eine Performance. Gelegen im 12. Stock des HdL ist das VEB Luftkühlgerät so groß wie der Turnraum einer mittelgroßen Gesamtschule. Wuchtige Stahlschnecken winden sich in ihm, dienen den Künstlern als Percussionsinstrumente, Staub liegt auf den Belüftungsrohren und Sand knirscht unter den Sandalen der vier jugendlichen Tänzer.

"Stauraum" heißt die Darbietung, die Bewegung, Percussion und verschiedene Medien zusammenbringt. Ein Video, eine Diaprojektion, wilde Tanzelemente und kraftvolle Percussion stehen in dieser Allegorie, diesem Liebeslied auf das HdL, für seine jüngere, wechselhafte Geschichte. Der im Video zu Wort kommende Joachim Köhler, ein Berliner Original und seit 1968 als Hausmeister mit der Wartung des Raums betraut, verkörpert gemeinsam mit der Klimaanlage die bleibenden Elemente in der Geschichte des Gebäudes. Ist er nicht längst Teil der Anlage geworden? Köhler ist jedenfalls der letzte Mensch, der sie versteht.

Im Video spricht er vor den Performance-Gängern über die Anlage, als handle es sich um einen Menschen: "Sie belüftet die Arbeitsräume und saugt gleichzeitig die verbrauchte Luft ab." 5100 Kubikmeter Frischluft sauge sie ein, behauptet Köhler. Wenn Luft am Alex überhaupt frisch sein kann. Denn draußen tost der Verkehr.

Ende der achtziger Jahre hörte nicht nur die DDR als Staat auf zu atmen - auch Hausmeister Köhlers riesige alte Lüftungsanlage tat solidarisch ihren letzten Atemzug. Dagegen will er nichts unternehmen. Er lässt sie ruhen. Und das bereits seit 15 Jahren. Denn die Pflege sei aufwendig gewesen. Jeden Tag, so berichtet der Hausmeister, musste der Sand, der sich in den Filtern der Anlage ablagerte, aufs Neue weggeschaufelt werden.

Jetzt liegt er wieder da, der Sand. Heiß streicht der mit den Tänzern zurückgekehrte Atem darüber hinweg.Weitere Spieltermine: heute, 30.6. und 1.7., jeweils um 21 Uhr im Haus des Lehrers, 12. Stock, Alexanderplatz 4.

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