Berlin : Tapetenwechsel

Nirgendwo in Deutschland wird so häufig umgezogen wie an der Spree – jährlich tun es 380 000 Berliner

Thomas Loy

Der erste Umzug der Weltgeschichte geschah unter Zwang: Gott, Eigner der Rundumsorglos-Wohnanlage „Paradies“, kündigte seinen langjährigen Mietern Adam und Eva. Fortan hatte das Umziehen den Geruch des sozialen Abstiegs. Ein paar tausend Jahre später zog die deutsche Regierung von Bonn nach Berlin, und das Verlagern des Lebensmittelpunktes kam wieder in Mode. Der Berliner ist im Vergleich zu anderen deutschen Großstadtbewohnern der umzugsfreudigste. Rund 380000 Menschen schleppen jedes Jahr ihren Hausrat durch die Stadt. Das sind elf Prozent der Bevölkerung. „Solche exorbitant hohen Mobilitätsquoten gibt es sonst nur in Studentenstädten wie Münster oder Tübingen“, sagt Umzugsunternehmer Klaus Zapf. Er gründete 1975 seinen Berliner Betrieb.

Ende der 90er Jahre lag die Mobilitätsquote noch höher. Zapf führt das leichte Abflauen auf die Wirtschaftskrise und die längere Verweildauer der Zöglinge im „Hotel Mama“ zurück. Die Trägheit ist der wichtigste Feind des Umzugs. Dass der Berliner an sich weniger träge, also umzugsfreudiger veranlagt sei als der Kölner oder der Hamburger, verweisen die Experten allerdings ins Reich der Mythen. Umziehen ist eine Plackerei, nach Zapfs Worten sogar „ein Graus“. Sowas tut sich auch ein Berliner nur an, wenn er triftige Gründe hat.

Als da sind: Kürzerer Weg zur Arbeit, bessere Wohnlage, kleinere Wohnung wegen Trennung oder Arbeitslosigkeit, größere wegen Kindern oder steigendem Einkommen. Immer wichtiger wird das Bedürfnis, unter Seinesgleichen zu wohnen. Stadtsoziologen nennen das „soziale Segregation“, die Entmischung der Quartiere. Was übrig bleibt, sind Ausländer-Ghettos, sanierte Altbauviertel für die Kreativ-Singles, Reihenhaussiedlungen für den bürgerlichen Mittelstand und Villenquartiere für die Wohlhabenden. „Das ist eine bedrohliche Entwicklung hin zu No-Go-Zonen“, sagt Hartmann Vetter, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins. Verstärkt werde dieser Trend, wenn der Druck auf Sozialhilfeempfänger steigt, sich günstigere Wohnungen zu suchen. Die gibt es eben nur in Plattenbausiedlungen oder den so genannten sozialen Brennpunkten.

Bei innerstädtischen Umzügen wird oft nur eine geringe Distanz überwunden. Die meisten Umzügler bleiben im selben Quartier oder im selben Bezirk. Selten werden die vier großen Stadträume im Norden, Osten, Süden und Westen der Stadt verlassen. Wer als Single in Neukölln lebt und eine Familie gründet, zieht nach Rudow oder Marienfelde, aber nicht nach Hermsdorf.

Klaus Zapf sagt, in Berlin finde jeder eine Wohnung, die für ihn geeignet und bezahlbar ist – anders als in Hamburg oder München. „Der Markt funktioniert hier besser.“ Und das motiviere eben zum Umziehen. Hartmann Vetter sieht das etwas kritischer. Eine gut gelegene Altbau-Wohnung mit vier Zimmern in Wilmersdorf oder Charlottenburg für 5 Euro Netto kalt sei immer noch „ein Lottogewinn“. Viele Familien mit Kindern suchten nach einer Wohnung in der Nähe der Schule, die sie ausgewählt haben. Da könne das Angebot schnell sehr eng werden.

Mag die Wohnungssuche schwierig sein, ein Umzugsunternehmen findet sich immer. Berlin zählt hier große Unternehmen wie etwa Scholz Transport und Hertling. Peter Dirk von der Berliner Verbraucherzentrale rät, sich zwei bis drei Angebote von Speditionen einzuholen. Die Vor-Ort-Besichtigung ist fast immer kostenlos. Dann sollte ein Festpreis vereinbart werden, an den sich der Spediteur halten muss. Von Unternehmern, die auf Stundenbasis arbeiten, rät Dirk ab. Konflikte träten meist dann auf, wenn die Lage der neuen Wohnung nicht beschrieben wurde. Oder wenn Geschirr in Kartons zu Bruch geht, die nicht vom Spediteur gepackt wurden. Wertvolle Gegenstände sollte man selbst transportieren.

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