Tarif-Verhandlungen : Gewerkschaften fordern Entlastung für ältere Arbeitnehmer

Bei den anstehenden Tarif-Verhandlungen für BVG- Beschäftigte sowie Lehrer fordern die Gewerkschaften, ältere Arbeitnehmer besser vor Stress und Überarbeitung zu schützen. Die GEW zieht sogar einen Lehrerstreik in Erwägung.

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Wenn am heutigen Montag die Verhandlungen um den Manteltarif für Bus-, Tram- und U-Bahnfahrer beginnen, werden vor allem ältere Mitarbeiter im Mittelpunkt der Gespräche stehen. Die Gewerkschaft Verdi will bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und deren Tochter Berlin Transport neue Arbeitsbedingungen für die insgesamt 13 000 Beschäftigten aushandeln: Dabei solle insbesondere der Stress reduziert werden, unter dem gerade ältere Kollegen litten, sagte Verdi-Verhandlungsführer Frank Bäsler. Das Durchschnittsalter der BVG-Fahrer liegt bei rund 50 Jahren. Im Schichtdienst einen Linienbus durch die Straßen der Stadt zu manövrieren, sei ein Kraftakt, sagte Bäsler. Kaum ein Fahrer mache mehr als 20 Jahre Dienst.

„Der Job wird immer anspruchsvoller“, sagte Bäsler. Nach Richtlinien der Europäischen Union seien inzwischen nicht nur 180 Theorielehrstunden obligatorisch, sondern jedes Jahr auch eine Nachbildung. Gerade in Berlin kommen regelmäßige Attacken auf Busfahrer hinzu: Knapp 600 Angriffe auf BVG-Beschäftigte hatte es 2009 gegeben, in diesem Jahr werden es vorläufigen Zahlen zufolge ähnlich viele. Ohrfeigen sind dabei, aber auch Schüsse aus Gaspistolen.

Verdi hat nun einen Tarifvertrag zum demografischen Wandel im Nahverkehr entworfen, der als Teil eines Gesamtpaketes in die Arbeitsregelungen einfließen könnte. In dem Entwurf ist vorgesehen, dass ab dem 60. Lebensjahr zwischen Diensten mindestens zwölf Stunden Pause zu gewähren sei, noch sind es zehn Stunden. Ab dem 50. Lebensjahr will die Gewerkschaft außerdem fünf Urlaubstage mehr pro Jahr, das wären dann 35. „Wir hoffen, dass die Verhandlungen bis März abgeschlossen sind“, sagte Verdi-Mann Bäsler. Beim Kommunalen Arbeitgeberverband, der für die BVG verhandelt, heißt es, man wolle den Auftakt der Tarifrunde abwarten.

Weniger gelassen als bei Verdi hören sich die Lehrer aus der Schwestergewerkschaft GEW an. Sie fordern, dass ab dem 55. Lebensjahr eine Unterrichtsstunde und ab 60 Jahren zwei Stunden pro Woche wegfallen – sonst drohe ab März ein Streik. Der Großteil der verbeamteten Staatsdiener dürfte sich das jedoch zwei Mal überlegen, weil ihnen Streiks beamtenrechtlich verboten sind und ihnen bei der Teilnahme an Ausständen disziplinarische Strafen drohen. „Viele Kollegen sind alt genug, um Einträge in die Personalakte und Beförderungstopps in Kauf zu nehmen“, sagte dazu GEW-Landeschefin Rose-Marie Seggelke. Derzeit unterrichtet ein Vollzeitlehrer im Schnitt 27 Stunden in der Woche, hinzu kommen Vor- und Nachbereitungzeit.

„In anderen Bundesländern hat ein Streik auch geholfen“, sagte Seggelke. In Hamburg etwa legten 2009 verbeamtete Lehrer die Arbeit nieder, die Hansestadt ist ihnen bei der Wochenarbeitszeit entgegengekommen. Allerdings laufen in Schleswig-Holstein noch Disziplinarmaßnahmen gegen verbeamtete Lehrer, die stundenweise die Arbeit niedergelegt hatten. Anders als Verdi kann die GEW aber nicht nur ihre angestellten Mitglieder streiken lassen, schließlich sind die meisten Lehrer noch Beamte, ein Ausstand ohne sie wäre wohl wirkungslos.

Seit Monaten fordert die GEW von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) die Wiedereinführung einer Altersermäßigung. „In allen anderen Bundesländern gibt es Alterserleichterungen“, sagte Seggelke. Der Krankenstand im öffentlichen Dienst der Hauptstadt gilt als hoch, von den knapp 28000 Berliner Lehrern sind derzeit 1200 dauerkrank.

Dass sich die Arbeitnehmerverbände um ältere Mitglieder kümmern, liegt auf der Hand. Der Altersdurchschnitt der Großgewerkschaften liegt bei fast 50 Jahren.Hannes Heine

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