Tarifkonflikt : Fahren mit der BVG - ein Glücksspiel

Berlin atmet auf: U-Bahn und Tram rollen wieder. Die Züge kommen aber seltener und im Busverkehr drohen Ausfälle. Eine Besserung ist nicht in Sicht.

Jörn Hasselmann
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Ins Rollen gebracht. Ab Montag sollen die U-Bahnen alle zehn Minuten fahren. Die BVG setzt aber nicht alle Züge ein. -Foto: Ullstein/Lambert

Nach dem fast zweiwöchigen Streik bei der BVG sollen heute alle Verkehrsmittel wieder rollen. Doch kein Fahrgast sollte sich darauf verlassen, dass Busse und Bahnen nach Plan kommen. Denn es droht Fahrzeugmangel, weil die Werkstätten weiter von der Gewerkschaft Verdi bestreikt werden. „Was ausfällt, fällt dauerhaft aus“, sagte BVG-Chef Andreas Sturmowski am Sonntag. Fahrgäste müssten sich auch weiterhin auf gravierende Einschränkungen einstellen.

Ihren Schienenverkehr hat die BVG stark ausgedünnt, um Wagen in Reserve behalten zu können: Die U-Bahn und die Metro-Tram rollen alle zehn Minuten, normale Straßenbahnlinien alle 20 Minuten. Zunächst können also defekte Züge noch ersetzt werden, sodass bei U- und Straßenbahn der angekündigte Takt halbwegs sicher ist.

Im sehr großen und komplizierten Busnetz ist das nicht gelungen, da die Verwaltung weiter bestreikt wird. Sämtliche Fahrzeuge sind auf allen Linien ab heute früh im Einsatz. Fahrgäste können aber nur hoffen, dass ihr Bus kommt – denn defekte Fahrzeuge können nicht ersetzt werden. Informationen über Ausfälle wird es für die Fahrgäste nicht geben, da das Callcenter bestreikt wird, ebenso die Leitstelle. Am Dienstag werden deshalb schon schätzungsweise zehn Prozent der Fahrten ausfallen, am Mittwoch dann mindestens 20 Prozent – und so weiter. „Wenn wir merken, es geht nicht mehr weiter, stellen wir den Betrieb ein“, kündigte BVG-Chef Sturmowski an.

Nur 30 der 450 Werkstattangestellten dürfen ab heute bei der U-Bahn arbeiten – mehr hat Verdi nicht genehmigt. Beim Bus sind es 36 statt 370. „Wir fahren auf Verschleiß“, sagte Sturmowski. Die BVG nannte die Streik-Taktik von Verdi deshalb „perfide“.

Wie berichtet, hatte die Gewerkschaft am Sonnabend mitgeteilt, dass ab Montag ein „Zeichen guten Willens“ gezeigt werde und der Fahrdienst vom Streik „ausgeklammert“ werde. In Technik, Werkstätten und Verwaltung gehe der Streik weiter. Sturmowski ist verärgert: „Verdi hat die Gespräche für gescheitert erklärt, obwohl wir 20 Millionen Euro für zwei Jahre angeboten haben.“

Erst am Mittwoch will sich die Verdi-Tarifkommission wieder treffen und das weitere Vorgehen beschließen. Allerdings ist nach BVG-Angaben völlig offen, wie der Betrieb unter den ab heute geltenen Bedingungen in der kommenden Woche aussehen könnte. Politiker forderten gestern, dass Verdi schnell an den Verhandlungstisch zurück müsse. „Verdi ist am Ball“, sagte Jutta Matuschek von der Linken. Die jetzige Lage sei „nichts Halbes und nichts Ganzes“. Der Streik werde zum Bumerang für Verdi und die BVG-Angestellten, weil sich Fahrgäste endgültig von der BVG abwenden könnten. Auch der BVG-Chef kritisierte, dass „Verdi unsere Fahrgäste trainiert, wie man ohne BVG auskommt“. Schlimmer als das finanzielle Minus sei der „Vertrauensverlust“.

Scharf kritisierte der parlamentarische Geschäftsführer der SPD, Christian Gaebler, die Gewerkschaft: „Das ist eine zerstörerische Taktik, wenn Fahrzeuge auf Verschleiß gefahren werden.“ „Die Verdi-Leute machen ihren eigenen Betrieb kaputt“, sagte der SPD-Politiker. Für die Fahrgäste dürfen die kommenden Tage komplizierter werden als der totale Streik. Auch der CDU-Verkehrspolitiker Rainer Ueckert sagte, dass „das Signal von Verdi den Fahrgästen nicht hilft“.

Die Begeisterung der BVG-Kunden wird am 1. April noch wachsen – denn dann steigen die Preise wie angekündigt um durchschnittlich 1,6 Prozent im Tarif AB. Schwarzfahren aus Protest ist nicht sinnvoll, weil die Kontrolleure wieder arbeiten – nicht aber die Fahrscheinverkäufer. Sturmowski kündigte an, dass Stammkunden eine Wiedergutmachung bekommen werden. Details nannte er nicht, „da wird uns noch etwas einfallen“.

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