Tarifkonflikt : Trotz Streikpause: BVG kommt nur langsam in Fahrt

Die Gewerkschaft Verdi will Busse und Bahnen wieder fahren lassen. Doch Technik und Verwaltung bleiben im Ausstand und bremsen den Betrieb.

Christoph Stollowsky[Ulrich Zawatka-Gerlach],Jörn Hasselmann
Fahhrad
Auf das Rad gekommen. Zumindest am Sonntag bleibt das Fahhrad für viele Berliner das wichtigste Verkehrsmittel. -Foto: Peter Meißner

Der Streik bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) entwickelt sich zum nervenaufreibenden Machtkampf zwischen der Gewerkschaft Verdi und den Arbeitgebern. Auch das gestrige fünfstündige Sondierungsgespräch endete im Streit. Dennoch will Verdi als „Zeichen des guten Willen gegenüber den Berlinern“ ab Montag „wenigstens wieder die Busse, U-Bahnen und Straßenbahnen fahren lassen. Nahezu alle weiteren Betriebsbereiche der BVG – von der Verwaltung bis zu den Werkstätten– sollen aber im Ausstand bleiben. Nach Meinung von BVG-Chef Andreas Sturmowski kann die Flotte deshalb auch in der kommenden Woche gar nicht komplett in Gang kommen. „Ohne Wartung geht das nicht“. Außerdem will Verdi den Streik nur drei Tage lang verlässlich im Fahrbereich aussetzen. Danach soll die Große Tarifkommission erneut entscheiden, wie es mit dem Ausstand weitergeht.

„Es ist alles offen“, sagte gestern verdie-Verhandlungsführer Frank Bäsler nach dem Abbruch der Gespräche. Ab Donnerstag könnten folglich auch wieder alle Räder stillstehen. Ob sich die Gegner bis dahin wieder einen Tisch setzen und vielleicht doch noch annähern, blieb gestern unklar. Ein neues Treffen wurde nicht vereinbart.

Die BVG hatte bislang erklärt, sie benötige nach dem Abbruch des Streiks aus technischen Gründen „noch bis zu 24 Stunden, bis alles wieder fährt.“ Gestern Abend hatte die BVG alle leitenden Mitarbeiter zu einer Krisensitzung zusammengerufen, bei der geklärt werden sollte, in welchem Umfang am Montag der Betrieb aufgenommen werden kann. Am Sonntagvormittag will die BVG die Öffentlichkeit informieren. „Wir wollen ab Montag mit Fahrplanbeginn so viele Fahrzeuge wie möglich losschicken“, sagte BVG-Chef Sturmowski gestern. Mit Einschränkungen müsse man wegen des in anderen technischen Bereichen fortgesetzten Streiks allerdings rechnen. So müssen bei der Straßenbahn vorher alle Gleise gereinigt und Weichen kontrolliert werden, erklärten gestern BVG-Experten. Bei den Bussen sei die Betankung das Problem – die erfolgt in den Werkstätten, wo weiter gestreikt wird. Und die U-Bahn könne nur fahren, wenn das Sicherheitspersonal arbeitet. Laut Verdi sollen allerdings „alle sicherheitsrelaventen Bereiche“ wieder im Dienst sein. Dennoch erregte das Vorgehen der Gewerkschaft gestern bei nichtstreikenden BVGern Unmut. „Eine perfide Taktik “, hieß es im Unternehmen.

Verdi und der Kommunale Arbeitgeberverband, hinter dem der Senat und die BVG als landeseigener Betrieb stehen, hatten am gestrigen elften Streiktag bereits zum dritten Male vergeblich um eine „Rahmenvereinbarung“ gerungen. Darin sollte die Spanne möglicher Einkommensverbesserungen abgesteckt werden, um danach bei den eigentlichen Tarifverhandlungen ins Detail gehen zu können.

Hauptstreitpunkt blieb das Ausmaß der Einkommensverbesserung für die 12 000 BVG-Beschäftigten. Beide Seiten hatten in den vergangenen Tagen schon eingelenkt. So forderte Verdi ursprünglich zwölf Prozent mehr Lohn, aber mindestens 250 Euro brutto mehr für jeden Beschäftigten. Gestern war die Gewerkschaft auf eine Spanne von drei bis neun Prozent heruntergegangen und von den 250 Euro war keine Rede mehr. Die Arbeitgeber wiederum strichen ihr bisheriges Ansinnen, den vor 2005 eingestellten besser verdienenden Alt-Beschäftigten der BVG eine Lohnerhöhung zu 75 Prozent auf ihr bisheriges Einkommen anzurechnen. Gestern boten die Arbeitgeber nun eine Pauschalsumme für Lohnerhöhungen von zwanzig Millionen Euro bis 2010 an. Verdi konterte, dieser Betrag reiche für kaum mehr als eine dreiprozentige Erhöhung.

Trotz des Muskelspiels stehen beide Seiten unter zunehmendem Druck. Das Verständnis in der bevölkerung schwindet, Vor allem ältere, ärmere und leiden unter den Streikfolgen. Verkehrspolitiker der Koalition werteten es deshalb gestern als „gutes Zeichen“, dass Verdi den Streik vorerst aussetzen will. Die Stimmung sei zulasten von Verdi gekippt, sagte Jutta Matuschek von der Linksfraktion. Darauf reagiere Verdi. Der SPD-Abgeordnete Christian Gaebler sprach sich für eine „Denkpause über Ostern“ aus. Finanzsenator und BVG-Aufsichtsratchef Thilo Sarrazin (SPD) ist schon in Osterurlaub. Seine Sprecherin Kristina Tschennet begrüßte es, „dass die Bürger vorerst nicht mehr unter dem Streik leiden müssen“. Der Fahrgastverband IGEB forderte Verdi auf, den Streik vollständig zu beenden.

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