Tarifkonflikt : Vom BVG-Streik hat am meisten der Senat profitiert

Das Land geht als deutlichster Gewinner aus dem Streik hervor: Der Senart muss wegen des Fahrtenausfalls 2,6 Millionen Euro weniger Zuschüsse zahlen. Die Bilanz beim Verkehrsbetrieb selbst und für die angestellten Mitarbeiter ist allerdings zwiespältig.

Klaus Kurpjuweit

Nach dem wochenlangen Streik bei der BVG steht bisher nur ein Gewinner fest: Der Senat. Er muss dem Verkehrsbetrieb rund 2,6 Millionen Euro weniger an Zuschuss zahlen, weil durch den Streik Fahrten ausgefallen sind, die ansonsten subventioniert werden. Auch die BVG könnte im Streik durch nicht gezahlte Löhne und Gehälter einige Millionen Euro eingespart haben. Die Streikenden selbst entscheiden in der nächsten Woche, ob sie mit dem Abschluss zufrieden sind. Vom 19. bis 22. Mai findet die Urabstimmung über den Tarifvertrag statt. 25 Prozent müssen zustimmen, damit er gültig wird.

Bei Verdi rechnet man damit, dass dieses Quorum erreicht werden wird, obwohl der nach wochenlangen Streiks und Gesprächsrunden gefundene Kompromiss weit hinter den ursprünglichen Forderungen zurück geblieben ist. Ursprünglich hatte Verdi gefordert, die Tarifentgelte um zwölf Prozent zu erhöhen. Nach dem längsten Streik in der BVG-Geschichte sind am Ende durchschnittlich 4,6 Prozent herausgekommen. Enthalten sind dabei eine Einmalzahlung in Höhe von 500 Euro sowie eine Gutschrift von 36,5 Stunden auf dem "Kurzzeitkonto", was einer Woche Urlaub entspricht.

Auf den Konten der Beschäftigten wirkt sich der Abschluss sehr unterschiedlich aus. Bei Mitarbeitern, die schon vor dem Herbst 2005 im Unternehmen waren, fällt die Erhöhung deutlich geringer aus als bei den danach eingestellten Kollegen, weil diese sehr viel schlechter bezahlt werden. Ein seit langem für die BVG arbeitender Busfahrer erhält nach Angaben des Unternehmens durchschnittlich 2797 Euro, ein neuer Kollege dagegen 1936 Euro. Um diese Kluft zu verringern, steigt das Tarifentgelt in der Stufe 1, die für Neubeschäftigte gilt, zum 1. August um 100 Euro pro Monat, bei Altbeschäftigten sind es dagegen nur brutto 60 Euro.

Ob sich für sie der Streik gelohnt hat, wird jetzt von den Mitarbeitern nachgerechnet. Sie haben teilweise mehrere hundert Euro an Gehalt verloren, weil sie nur das niedrigere Streikgeld erhielten. Gewerkschaftsmitglieder bekamen als Streikgeld das 2,5-fache des Monatsbeitrags, der ein Prozent des Bruttoeinkommens ausmacht. Wer noch kein Jahr Mitglied war, erhielt das 2,2-fache des Beitrags. Hinzu kommen pro Tag für jedes Kind 2,50 Euro.

Das Streikgeld hat nach Gewerkschaftsangaben dazu geführt, dass vor dem Streik noch mehr als tausend Mitarbeiter in die Gewerkschaften eintraten. Als Gewinner können sich die Organisationen aber noch nicht fühlen, denn im Unternehmen wird erwartet, dass es auch wieder eine Austrittswelle geben kann, wenn die Mitglieder merken, dass sie sich mit dem Streik doch weniger Geld geholt haben als erhofft.

Die BVG selbst wisse noch nicht, ob sie vom Streik profitiert hat oder ob sie draufzahlen musste, sagte Unternehmenssprecherin Petra Reetz. Der Verkehrsbetrieb habe zwar bei veranschlagten Personalkosten in Höhe von 530 Millionen Euro durch den Streik rund elf Millionen Euro „gespart“, weil sie keine Löhne und Gehälter gezahlt hat, umgekehrt habe es aber auch zusätzliche Einnahmeausfälle gegeben. Die BVG bekommt nicht nur weniger Geld vom Senat und von den Mietern in den Läden in U-Bahnhöfen, sondern auch weniger von den Fahrgästen. Der Einnahmeverlust bei den Fahrscheinverkäufen liegt nach BVG-Angaben bei 4, 5 Millionen Euro.

Und ob Kunden zurückkommen, die während des Streiks eine Alternative gefunden hatten, müsse sich auch erst noch zeigen, hatte BVG-Chef Andreas Sturmowski bereits nach dem Verhandlungsende gesagt. Die S-Bahn hat nach Angaben ihres Sprechers Ingo Priegnitz auch jetzt noch mehr Fahrgäste, vor allem solche, die mit dem Fahrrad unterwegs seien, als vor dem Streik bei der BVG.

Gespart hat die BVG, weil sie weniger Strom und Kraftstoff verbraucht hat als geplant, doch sind umgekehrt nach dem Ende des Streiks die Kosten in den Werkstätten enorm gestiegen. Dort wird jetzt mit Hochdruck – und Überstunden – gearbeitet, um den während des Streiks entstandenen Reparaturstau aufzuholen. Zumindest diese Mitarbeiter erhalten dann mehr Geld – sie haben aber auch am längsten gestreikt.

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