Tatort Berlin : Wie die Mordkommission arbeitet
18.02.2012 00:00 UhrMit dem Trott kann es jederzeit vorbei sein
Nebenan, im Zimmer der Kommissarin Köstler, steht ein durchgesessenes, beiges Sofa, auf dem manchmal einer schläft, wenn es sich nicht lohnt, abends nach Hause zu fahren.
Die Büros der sechsten Mordkommission liegen im Landeskriminalamt 1 für „Delikte am Menschen“, ein wuchtiger Bau nahe dem Wittenbergplatz. Neben der hölzernen Pförtnerloge liegt eine Kladde mit der Aufschrift „Schlüsselbuch Waffenkammer“. Die Kommissare sind Dauerwaffenträger, wie es bei der Polizei heißt. Hier im Haus legen sie die Pistolen ab.
In den Arbeitszimmern der Kommissare im vierten Stock ist vom Geist der preußischen Behörde, als die das Gebäude vor hundert Jahren errichtet wurde, nichts mehr zu spüren. Jaß’ Schreibtisch ist unter Akten begraben. An der Wand hängen Bilder von Ekel Alfred, der von Wolfgang Menge geschaffenen Fernsehfigur aus den 70ern. Ein Mitarbeiter hat sein Zimmer mit Fotos von Klaus Kinski dekoriert. In der sechsten Mordkommission hegen sie offenbar gewisse Sympathien für unangepasstes Verhalten. Nur der Dalai Lama musste wieder runter von der Wand. Aus Rücksicht auf die religiösen Gefühle von Zeugen oder Beschuldigten, sagen sie – die Kommissare vernehmen mitunter auch in ihren Büros. Der Dalai Lama liegt eingerollt neben einem Metallspind. An seiner Stelle hängt da nun Louis de Funès, umringt von jungen Polizistinnen. Ein Plakat zum Film „Louis und seine verrückten Politessen“.
Die Bürotüren stehen offen. Kommissare blättern in Akten oder gießen Zimmerpflanzen. Ihre offizielle Tätigkeitsbeschreibung lautet „Sachbearbeiter“, und der heutige Arbeitstag verläuft so beschaulich wie in jedem anderen Amt.
Doch mit dem Trott kann es jederzeit vorbei sein. Seit sechs Tagen haben Jaß und seine Mordkommissare Rufbereitschaft. Im Zwei-Wochen- Turnus sind die Mordkommissionen dafür eingeteilt. Jaß wirkt nicht nervös, das war er nur zu Anfang. Doch die Ungewissheit treibt ihn immer noch um: Jede Verabredung steht unter Vorbehalt. Er traue sich kaum in die Sauna, sagt er, weil er das Handy nicht mitnehmen könne. Wenn irgendwo in Berlin ein Mensch getötet wird, klingelt es.
Dann fährt er auf direktem Weg zum Tatort. Mehrere seiner Kommissare bestellt er dorthin. Oft trifft er dort schon auf Pressefotografen. Jaß mutmaßt, dass sie den Polizeifunk abhören oder dass es in der Polizei oder bei den anderen Ermittlungsbehörden jemanden gibt, der die Boulevardjournalisten mit Tipps versorgt. Am Tatort hängt häufig ein fauliger Verwesungsgestank. Jaß hat gelernt, nur durch den Mund zu atmen.
Der Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach schreibt, dass ein Tatort von Morden seinen Schrecken schnell verliere, er erzähle eine Geschichte. Nach dieser Geschichte suchen sie, häufig zu zehnt, Männer und Frauen in weißen Einwegoveralls mit Kapuzen, Mundschutz, Handschuhen: Kommissare, Spurensicherer, der Tatortfotograf, Rechtsmediziner, Staatsanwalt.
Manche Spuren scheinen eindeutig und weisen doch den falschen Weg. Beim Mord am Buchhalter Mario G. hatten Jaß und ein Kollege beispielsweise beim ersten Rundgang durch die Wohnung in der Küche einen Rucksack gefunden, in dem die Kopie eines Personalausweises steckte. Im Polizeicomputer fand sich der Name. Ein Mann, der sich häufig am Bahnhof Zoo aufhielt. Polizisten der für den Zoo zuständigen Wache, der sie das Passfoto mailten, brachten ihn am Abend des nächsten Tages in die Keithstraße. Doch der Mann hatte ein Alibi.
Während das Gros der weißen Kapuzenleute nach ein paar Stunden den Schauplatz eines Verbrechens wieder verlässt, bleibt Ingolf Dietrich oft tagelang dort. Dietrich ist 56, Vollbartträger. In der DDR leitete er ein Kommissariat in Mitte. Nach der Wende hat er sich auf Tatortarbeit spezialisiert. Er nimmt den Hausstand eines Ermordeten auseinander, zieht jede Schublade heraus. Ein Leben breitet sich vor ihm aus, während der, der es führte, häufig noch mitten im Raum liegt. Doch das stört ihn nicht. Eine Leiche, sagt Dietrich, sei für ihn mittlerweile nichts anderes als „ein Gegenstand“. Manchmal packt er mit an, hilft den Gerichtsmedizinern, sie zu verrücken, denn so ein steif gewordener Mensch ist schwer zu tragen. Erst nach etwa drei Stunden, wenn die Fundstelle der Leiche vermessen ist, wird sie zur Obduktion in die Gerichtsmedizin transportiert.

















