Berlin : Tatort Schlecker: Schon 22 Überfälle Auch 2005 ein besonderes Ziel von Räubern

Polizei kritisiert unzureichende Sicherheitstechnik

Jörn Hasselmann

Schlecker-Drogerien waren bei Räubern schon immer beliebt, nun steigt die Zahl der Überfälle geradezu drastisch an. In den ersten Wochen diesen Jahres zählte das Landeskriminalamt bereits 22 Überfälle. 2004 waren es 70, 2003 nur 45. Allein in der vergangenen Woche wurden in Berlin sechs Märkte ausgeraubt, in allen Fällen wurden die Kassiererinnen mit Pistolen oder Messern bedroht. Für die meisten Überfälle in diesem Jahr hält das LKA eine Bande junger Araber für die Täter. Wie gestern berichtet, wurden in der vergangenen Woche drei libanesisch-stämmige Jugendliche festgenommen – doch auch nach deren Verhaftung ging die Überfallserie weiter. So wurde am Freitagnachmittag eine Filiale an der Brunnenstraße in Wedding beraubt. Bereits am Donnerstagabend war eine Filiale an der Neumannstraße in Pankow überfallen worden.

Die Kripo kritisiert die Sicherheitsvorkehrungen des Konzerns. Es sei kein Zufall, dass nahezu alle in diesem Jahr überfallenen Drogerien Schlecker-Märkte waren. In der Regel arbeitet bei Schlecker nur eine Angestellte, „in anderen Märkten sind es immer zwei“, sagte ein Beamter. Größtes Ärgernis für die Polizei: Die Tresore haben keine Zeitschaltung und lassen sich mit nur einem Schlüssel öffnen. „Das hat sich herumgesprochen“, sagte ein Ermittler. Die Überfälle dauerten keine Minute; die Taten, bei denen sich die Täter mit dem Griff in die Kasse begnügen, dauern sogar nur 10 bis 15 Sekunden.

Andere Discounter-Ketten haben ihre Filialtresore mit einem Zeitschloss gesichert oder einem Schloss, das nur von dem Geldboten geöffnet werden kann, hieß es bei der Kripo. „Da kann der Täter nichts machen, er kriegt kein Geld.“ Tresore mit Zeituhr sind auch in Bankfilialen gebräuchlich – kosten aber Geld. So hat die Supermarktkette Plus vor einigen Jahren nach einer bemerkenswerten Raubserie auf Anregung der Berliner Polizei ihre Tresore umgebaut. Das hat geholfen, sagte Manfred Schmandra vom Raubdezernat des LKA. „Die Polizeiführung will jetzt erneut mit Schlecker sprechen“, sagte er. Große Hoffnung hat die Kripo offensichtlich nicht: „Bislang hat Schlecker auch nicht auf uns gehört“, hieß es.

Schlecker sei so sparsam, dass die Einnahmen der Filialen nicht einmal täglich abgeholt werden, ärgert sich ein leitender Ermittler: „Das würde ja Geld kosten.“ Dennoch sei die Beute fast immer gering, in den Safes seien maximal einige tausend Euro, der Griff in die Kasse bringe den Tätern nur wenige hundert Euro.

Nach Polizeiangaben hat nicht einmal jede Filiale eine Videoanlage, „oder die Angestellte hat vergessen, die Kassette umzudrehen oder die Kassette ist so alt, dass auf den Bildern nichts mehr zu sehen ist“. „Die Sicherheitstechnik ist dürftig und wenig“, resümierte ein Ermittler, die Täter wüssten das. „Für die ist Schlecker wie Selbstbedienung. Uns tun die Angestellten leid.“ Die Gewerkschaft Verdi kritisiert seit langem die Sparsamkeit des Konzerns und fordert zwei Angestellte pro Filiale als Minimum und die Installation von Alarmknöpfen. Der Schlecker-Konzern äußerte sich nicht.

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