Berlin : Tatort Schule: Mit der Pistole in die Turnhalle: Schülerin schwer verletzt

S. Kneist[S. Vieth-Entus],C. Wergin

Eine schwere Schussverletzung erlitt gestern Mittag eine Schülerin der Charlottenburger Ernst-Adolf-Eschke-Schule für Gehörlose kurz vor Beginn des Sportunterrichts in der Turnhalle. Nach den bisherigen Erkenntnissen löste sich der Schuss versehentlich, während eine Mitschülerin die scharfe Waffe herumzeigte. Dabei wurde die Siebtklässlerin im Bauch getroffen und schwer verletzt. Sie wurde in die Unfallklinik Westend gebracht. Lebensgefahr bestand nach Polizeiangaben nicht. Das Mädchen hat aber nach Angaben eines Arztes großes Glück gehabt.

Die Täterin wurde später von der Polizei vernommen. Unklar blieb, ob das Mädchen, in dessen Hand sich der Schuss löste, dieselbe Schülerin ist, die die Waffe tschechischer Herkunft mitgebracht hatte. Aus dem "häuslichen Bereich" des letztgenannten Mädchens stammte jedenfalls die Pistole, hieß es bei der Polizei. Der Vorfall ereignete sich um 12.40 Uhr, während sich die meisten Mädchen noch in der Umkleidekabine befanden. Ob sich eine Lehrerin in der Nähe aufhielt, war nicht zu erfahren.

Nur drei Schülerinnen - alle rund 15 Jahre alt - hätten sich schon in der Turnhalle befunden, so die Polizei. In der Verwaltung hieß es, der Schuss sei "vermutlich ein Querschläger" gewesen. Eine Schulaufsichtsbeamtin ergänzte, das Ganze sei ein "unglücklicher Zufall" gewesen. Man müsse die Sache deshalb "ganz tief hängen".

An der Schule, die in der idyllischen Waldschulallee direkt neben der Helen-Keller-Schule für Sprachbehinderte gelegen ist, herrschte eisiges Schweigen, nachdem die Polizei gegen 13.30 Uhr das Gelände verlassen hatte. Fragesteller wurden von der Konrektorin des Hauses verwiesen. Die zuständige Schulrätin Gunhild Schaeffer-Dohrmann bezeichnete die Schule als "sehr innovativ und kreativ". Gerade habe ein neues Projekt begonnen, bei dem die Kinder eine zusätzliche Gebärdensprache lernen.

Es gebe insgesamt überhaupt nur zwei derartige Spezialschulen in der Stadt, wobei die Eschke-Schule traditionell von Schülern aus dem ganzen West-Teil besucht werde. Im vergangenen Schuljahr besuchten 47 Kinder die Klassenstufen 1 bis 6 und 14 die Mittelstufe. Zudem gehörten 16 geistig Behinderte zu den Schülern.

253 Mal Gewalt im letzten Schuljahr

Im vergangenen Schuljahr wurden beim Landesschulamt 253 Gewaltvorfälle an den rund 1000 Berliner Schulen gemeldet. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet dies eine Zunahme von rund 70 Fällen.

Dieser Anstieg ist nach Angaben von Bettina Schubert, der Gewalt-Expertin beim Landesschulamt, vor allem darauf zurückzuführen, dass nach dem Vorfall in Meißen im November 1999, als eine Lehrerin vor ihrer Klasse von einem Schüler erstochen worden war, vermehrt Drohungen und Attacken - insgesamt 64 - gegen Lehrer angezeigt wurden. Vorher seien diese Geschehnisse oftmals nicht gemeldet worden. So wurde beispielsweise im Januar der Falle eines Lehrers an der Marzahner Otto-Nagel-Schule bekannt, der über ein Jahr lang mit Morddrohungen traktiert wurde.

Knapp 30 Prozent der Gewaltdelikte an Schulen werden von schulfremden Personen begangen. Vor acht Jahren führte die Schulverwaltung eine Meldepflicht eingeführt. Eine Schießerei mit Verletzten hat es nach Schuberts Angaben bisher nicht an Berliner Schulen gegeben.

Zwar seien bei den Vorfällen im vergangenen Schuljahr in vier Fällen Pistolen mit im Spiel gewesen, mit ihnen sei jedoch "nur" gedroht worden. Anders sieht es in diesem Zeitraum bei dem Einsatz von Messern als Waffe aus. In neun Fällen leitete die Berliner Justiz anschließend Verfahren wegen Körperverletzung oder gefährlicher Körperverletzung ein. Gewaltdelikte gibt es vor allem in den Klassenstufen sieben bis zehn.

Wie Schubert sagte, herrscht an Berliner Schulen Waffenverbot. Allerdings bestehe nicht die Notwendigkeit von ständigen, durchgängigen Kontrollen. Untersuchungen hätten zudem erwiesen, dass Waffenbesitz innerhalb der Schule eine geringe Rolle spiele. Im außerschulischen Bereich und in der Freizeit sei dies ein wesentlich größeres Problem, da sich Schüler dann oftmals unsicher fühlen. Die Polizei gehe davon aus, dass nur fünf Prozent der Jugendgewaltdelikte in der Schule verübt wurden, sagte Schubert.

Um Schüler für das Thema Gewalt zu sensibilisieren und die Probleme in den Griff zu bekommen, sind an einigen Schulen in Berlin jetzt Schüler als so genannte Konfliktlotsen im Einsatz. Sie lernen in speziellen Kursen, bei Konflikten einzugreifen und zu schlichten, so dass Aggressionen nicht in Gewalt münden.

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