Berlin : Tauben füttern verbieten?

Sigrid Kneist

Warum meinen Menschen – Städter im Besonderen – eigentlich immer, in die Natur eingreifen zu müssen, um der armen Kreatur vermeintlich Gutes zu tun? Viele Tiere bedürfen zwar unserer Hilfe. Aber die Tauben etwa, die in unserer Stadt leben, die gehören garantiert nicht dazu. Sie kommen sehr gut, wahrscheinlich sogar besser ohne menschliche Wohltaten aus. Auf uns sind die Vögel überhaupt nicht angewiesen. Auch nicht bei der Nahrungssuche. Sie brauchen nicht gefüttert zu werden; gerade der Stadtraum bietet ihnen ausreichend zu picken. Gleiches gilt auch für die Enten und Schwäne in den Parks, denen immer wieder Brot in solchen Mengen hingeworfen wird, dass sie es gar nicht mehr fressen können. Die Überreste kann der Bioorganismus des Wassers nicht mehr verarbeiten, sie schädigen das Gewässer. Das Brot war dann wirklich zu viel des Guten.

Bei den Tauben bringt man durch zu viel Nahrung die natürlichen Vermehrungszyklen der Vögel durcheinander. Sie vermehren sich verstärkt. Und das wiederum ist in einer Stadt nicht wünschenswert. Denn sie und ihr Kot übertragen für die Menschen gefährliche Krankheitserreger. Nicht umsonst werden sie als „Ratten der Lüfte“ bezeichnet.

Also wirklich, das Füttern der Tauben gehört in Berlin verboten. Auch aus Liebe zur Natur. Und zu den Tauben.

Gewiss. Der unverhoffte, weiß gesprenkelte Taubensegen auf der Karosserie oder den Kleidern hat schon so manchen in Rage gebracht. Doch andererseits flattern derzeit nur noch halb so viele Tauben durch Berlin wie noch vor einigen Jahren. Heute ist die Schar der angemeldeten Hunde schon doppelt so groß wie das Taubenvölkchen in der Stadt. Und die verbliebenen Vögel sind für die Berliner längst keine arge Belästigung mehr. Sie gurren an einigen Bahnhöfen und unter Brücken. Refugien, die wir ihnen ohne viel Federlesen nun ebenso gönnen sollten, wie ab und zu ein paar hingeworfene Körner oder Brotkrumen. Schauen wir doch ein wenig großzügig auf die Kinder oder älteren Leute, die sie hin und wieder füttern und sich daraus ein Vergnügen machen. Auch diese Bilder gehören zu einer lebendigen Großstadt.

Herrscht in der Politik jetzt schon im Frühling Saure-Gurken-Zeit? Es werden doch schon längst keine Futtertüten mehr für zwei Groschen oder Pennys verkauft, so wie einst von der freundlichen Vogelfrau bei Mary Poppins. Berlin hat wahrlich größere Probleme als die Taubenfütterung. Außerdem gibt es in den Bezirksämtern schon jetzt viel zu wenige Kontrolleure, die beispielsweise Hundehalter zur Ordnung rufen, die die Hinterlassenschaften ihrer Tiere nicht wegmachen oder Hunde unangeleint im Park springen lassen. Wer also, sollte die Taubenfütterer verwarnen? Christoph Stollowsky

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