Tauentzien : Imbiss "Schlemmer Pylon" sollte abgerissen werden - vor fünf Jahren

Vor fünf Jahren wurde "Schlemmer Pylon" am Brückenrest am Tauentzien abgerissen. Was Christoph Spangenberg darüber schrieb.

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Abschied rot-weiß. In neun Tagen wird der „Schlemmer Pylon“ abgerissen. Foto: Steinert
Abschied rot-weiß. In neun Tagen wird der „Schlemmer Pylon“ abgerissen. Foto: SteinertFoto: uwe steinert

Eher Feinschmeckerimbiss als Wurstbude, ist der „Schlemmer Pylon“ bekannt für hausgemachte Riesenbuletten und über 30 Fruchtsaftmixe. Jetzt wird der rote Pavillon an der Tauentzienstraße, Ecke Marburger Straße abgerissen, weil das Überbleibsel einer Brücke aus den 60ern weichen soll. Das Ensemble aus Brückenstummel und Laden ist fast ein Kunstwerk für sich und steht in jedem Reiseführer. Nach dem Abriss kommt ein moderner Neubau an gleicher Stelle.

„Die Nachricht vom Abriss war für mich ein Schlag“, sagt Imbisschef Christian Ridderskamp. Seit 1986 steht der 47-Jährige hinterm Tresen, presst mit seinen 12 Mitarbeitern 600 Orangen am Tag, serviert 500 Buletten und 400 Currywürste. 1984 eröffnete Ridderskamps Vater das Geschäft. Auf den Brückenstummel setzte er eine Metallspitze. Damals aßen vor allem Büroleute bei Ridderskamps, seit dem Mauerfall sind es Touristen. Einige Kunden sind aus den Anfangsjahren geblieben. „Die Stadt verliert eine Sehenswürdigkeit“, sagt Ridderskamp. Charlottenburgs Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler sieht das offenbar anders: „Nachdem der Pylon Jahrzehnte lang eine Abwertung des Stadtbildes im Bereich der Tauentzienstraße darstellte, wird nun die Sichtachse in die Marburger Straße geöffnet.“

Der Sockel mit der Treppe ins Nichts ist das Überbleibsel einer 77 Meter langen Fußgängerbrücke über die Tauentzienstraße. 1965 mit dem Europa-Center eröffnet, wurde sie nach 14 Jahren wieder abgerissen, weil sie den Blick auf die Gedächtniskirche versperrte. Heute überspannt die Brücke die Heerstraße am ehemaligen Grenzkontrollpunkt Staaken. Pfeiler und Treppe blieben stehen, eine Sprengung schien zu gefährlich. Um den Betonklotz zu kaschieren, ließ das Bezirksamt den Bau eines Imbisses zu.

In neun Tagen beginnt der Abbau von Bude und Metallspitze, zwei Wochen später kommen die Bagger für den Pfeiler. Im Januar soll der Neubau stehen. Bis dahin kommen ab 9. August zwei Ersatzbuden auf den Mittelstreifen des Tauentziens. Der neue Imbiss wird ein Zusammenspiel aus großen Glasflächen und holzverkleidetem Stahl und soll ungefähr eine Viertelmillion Euro kosten. Eines bereut Ridderskamp: Die Treppe kaum genutzt zu haben. Andere taten dies: In den 90er Jahren filmte ein Erotikmagazin ein Pärchen beim Sex auf dem Brückenstummel. Christoph Spangenberg

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren"

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