Berlin : Tauffrisch mit fünfzehn Jahren

Hundert Erwachsene und Jugendliche erhalten zu Ostern den Segen und werden Katholiken. Auch die Protestanten beobachten ein neues Interesse an der Kirche

Claudia Keller

Constance Mehls ist 29 und steht vor einer Wende in ihrem Leben: Heute Abend wird sie getauft. Kardinal Georg Sterzinsky wird ihr und elf anderen Erwachsenen in der Hedwigs-Kathedrale mit Wasser ein Kreuz auf die Stirn zeichnen und den Taufsegen geben, vor Hunderten Zuschauern. Eine große Sache. Constance Mehls ist eine von hundert Erwachsenen, die Ostern in den katholischen Kirchen Berlins ans Taufbecken treten. Ein Rekord. Vergangenes Jahr entschlossen sich 145 Erwachsene für den Katholizismus, im Jahr davor waren es 121, 1999 nur 90.

„Damit das Wasser nicht in den Kragen läuft, halten Sie den Kopf schräg“, sagte Christoph Karlson, „das hat sich bewährt.“ Am Dienstagabend probte der Sekretär von Kardinal Sterzinsky mit den zwölf Täuflingen in der Kathedrale das Ritual: korrekt auf die Altarinsel schreiten, Taufkerze gerade halten… Karlson machte kleine Scherze, um die Stimmung aufzulockern. Aber keiner mochte so recht lachen. Dazu waren alle zu nervös. Seit einem Dreivierteljahr haben sie sich vorbereitet, eineinhalb Stunden alle zwei Wochen in einer Art Katholisch-für-Anfänger-Kurs bei Dompfarrer Alfons Kluck. Er wirbt jeden Sommer mit einer Zeitungsanzeige für seinen Kurs. Vergangenen August haben sich 30 Teilnehmer angemeldet, ein Dutzend von ihnen treten heute Abend vor das Taufbecken. Fragt man sie, warum, erzählen sie von der Suche nach Ritualen und Geborgenheit, von Schicksalsschlägen – und schwärmen von Pfarrer Kluck. Von ihm habe man gelernt, dass man die Bibel nicht wörtlich nehmen, sondern viele Geschichten als Bilder deuten kann. Nun mache für sie auch „das ganze Brimborium“ der katholischen Messe Sinn, weil man wisse, was dahinter steckt. Die größte Überraschung aber war für einige, „dass Herr Kluck gar nicht so ist, wie man sich einen Katholiken vorstellt. Gar nicht verknöchert, dafür nah am Leben.“

Constance Mehls hat schon vor dem Kurs mit der Kirche geflirtet, im doppelten Sinn: Ihr Freund stammt aus einer katholischen Familie. Und die hat ihm, wie Mehls findet, so viele Werte beigebracht, dass ein Kerl aus ihm wurde, wie ihr noch keiner begegnet ist. Einer, der Verantwortung übernimmt, es ernst meint, anderen das Gefühl gibt, wertvoll zu sein. „Wenn das katholische Erziehung bewirkt, dann will ich das auch“, habe sie beschlossen. Neben ihr am Taufbecken wird Stefan Kontra stehen. Er ist 25 Jahre alt. Ihn hat seine portugiesischen Freundin mit dem Katholizismus angesteckt. Der 15-jährige Christopher Baar, ein anderer Täufling, hat sich irgendwann gedacht: „Das Leben kann ja nicht einfach nur so sein, wie es ist.“ Er hat sich verschiedene Religionen angeschaut, war im evangelischen Konfirmandenunterricht, da aber unzufrieden, „war alles so locker“. Schließlich landete auch er bei Herrn Kluck. „Jetzt bin ich da, wo ich hin wollte“, sagt er.

Steht es um die Kirchen im atheistischen Berlin also doch nicht so schlecht? Bei den Protestanten steigt die Zahl der Erwachsenentaufen zwar nicht an, bleibt aber kontinuierlich bei rund 1000 pro Jahr. Angesichts der Zigtausenden, die jedes Jahr austreten, ist das immer noch keine Sensation. Immerhin: Auch die protestantischen Pfarrer in Prenzlauer Berg beobachten ein neues Interesse an der Kirche. Vielleicht die überraschendste Tendenz: Die fünf- bis zehnjährigen Ost-Berliner entdecken die Gotteshäuser. Sie bearbeiten ihre überraschten Eltern, weil sie unbedingt getauft werden möchten, sagt Anneli Freund von der Zionskirche. „Ich will zu diesen Kirchenleuten gehören“, habe ihr ein Sechsjähriger neulich erklärt. Die Bibelgeschichten faszinieren die Kinder, im Gottesdienst fühlen sie sich ernst genommen, sagt Pfarrerin Freund. Und davon, dass da ein Gott ist, der sie beschützt, müssen sie nicht lange überzeugt werden. Da wächst offenbar eine neue Generation heran, die wieder das Christentum entdeckt. Wie es scheint, geht das Abendland so bald doch noch nicht unter.

Osternachtsmessen mit Taufen gibt es in vielen katholischen Kirchen. In der Hedwigs-Kathedrale um 21 Uhr, Bebelplatz, Mitte.

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