Berlin : Tausche Gedichte gegen Perry Rhodan Im Café Tucher kann man

sein ausgelesenes Buch loswerden – und ein neues gleich mitnehmen

Judith Hyams

Gedämpftes Licht aus antiken Lampen, rot bezogene Sessel, auf denen es sich die Besucher gemütlich gemacht haben, eine Speisekarte, die zum „Poetenschmaus“ einlädt – das Café „Theodor Tucher“ am Pariser Platz ist ein passender Ort für den ersten, soeben eröffneten Berliner Buchtauschsalon. Das Konzept ist denkbar einfach: Gegen einen Euro Gebühr kann man sich aus der Tauschbibliothek ein Buch aussuchen, sofern man dafür ein eigenes, ausgelesenes ins Regal stellt. Grundstock der Bibliothek sind etwa 1000 Bücher, die von Autoren wie Imre Kertèsz, Julia Frank, Thomas Brussig und Gudrun Pausewang gespendet wurden. Die Bücher in den Regalen sind ungeordnet, Stefan Zweig steht zwischen einem Sciencefiction- und einem Kinderbuch. Der 20-jährige Initiator Conrad Müller erklärt, das gerade die Unordnung zu mancher Überraschung führen und den literarischen Horizont erweitern kann.

Während die Größe der Bibliothek gleich bleibt, verändert sich der Inhalt im dynamischen Prozess. Angst vor abnehmender Qualität hat Müller nicht: „Literatur ist immer Geschmackssache. Was dem einen nicht mehr gefällt, darauf hat der andere schon lange gewartet.“ Den ersten Buchtausch übernahm der Leiter der Literaturwerkstatt Berlin, Thomas Wohlfahrt. Für die „Säulen der Finsternis“ von Perry Rhodan hinterließ er eine selbstverlegte Anthologie deutsch- französischer Dichtung. Auch die 26-jährige Sabine Wimmel hat nicht unbedingt ihr schlechtestes Buch mitgebracht. Spontan sprudelt sie den Inhalt des Frauenromans von Eva Ibbotson heraus, den sie gern gelesen hat – aber richtig glücklich ist sie über ihren neuen Fund, Thomas Brussigs „Helden wie wir“, mit Autogramm des Autors.

Eine neue Idee ist das Buchtauschen nicht. Im Internet gibt es Tauschbörsen zu absonderlichsten Themen, in der U-Bahn oder in Cafés ausliegende Bücher gelten heute nicht mehr als verloren, sondern als bewusst platzierte Exemplare des so genannten „Bookcrossing“. Das Buchtauschen aber an einem festen Ort einzurichten, ist ein Experiment. Und ein für die Initiatoren erfolgreiches, wenn nicht nur Bücher, sondern auch Gedanken ausgetauscht werden – direkt am Brandenburger Tor, wo Gedankenaustausch nicht immer selbstverständlich war.

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