Berlin : Tauschfieber am Tresen

Berlins Kneipen werden zum Treffpunkt für Sammler von WM-Bildchen

Johannes Kuhn

Ein Mann geht fieberhaft von Tisch zu Tisch und fragt herum: „Hat jemand von euch Roberto Carlos?“ Die Anwesenden durchforsten Stapel von kleinen Bildchen, die sie mitgebracht haben. Was früher auf dem Pausenhof stattfand, hat nun auch Berlins Kneipen erwischt: Das WM-Bildchen-Tauschfieber.

600 Bildchen braucht man, um ein Panini-Album zu füllen. Dann hat man alle Spieler der WM-Mannschaften zusammen. Bei zehn Cent pro Bild und etlichen Doppelten eine schwierige und teure Aufgabe, hat sich Norbert Hähnel vom Enzian in der Kreuzberger Yorkstraße gedacht, als ihm seine Freundin ein WM-Album schenkte. „Da hab ich ein Schild vor die Tür gestellt: Montag – Panini-Tauschtag.“ Das war vor einigen Wochen. Zuerst kamen nur zwei Sammler. Doch mittlerweile sind es bis zu 30, die sich einfinden. Die Altersspanne reicht dabei von sieben bis siebzig, alle bringen ihre Alben mit – und Zettel mit langen Zahlenreihen. Dort sind die fehlenden Spieler notiert. Die Gäste gehen damit von Tisch zu Tisch und tauschen. Michael Ballack gegen Kaka, Wayne Rooney gegen Edwin van der Saar – dem Tauschrausch sind keine Grenzen gesetzt. „Eine tolle Idee, ich habe selten so viele neue Leute auf einmal kennen gelernt“, zeigt sich Katharina Rottmann begeistert. Sie ist mit ihrem Ehemann und dem kleinen Sohn gekommen – das „Familienalbum“ muss gefüllt werden. „Außerdem“, ergänzt sie, während sie vorsichtig einen iranischen Nationalspieler einklebt, „kann ich meine WM-Kenntnisse verbessern.“

Oft kennen die Eltern die Alben noch aus ihrer eigenen Jugend und frönen so heimlich ihrer eigenen Sammlerleidenschaft. „Natürlich kenne ich mich aus, ich muss ja jeden Tag ein Päckchen Bilder kaufen“, meint Harry Akkus, der mit seiner siebenjährigen Tochter gekommen ist. Nach einem erfolgreichem Tauschgeschäft stößt man an diesem Abend schon mal an – die Kleinen mit Limo, die Großen mit Bier.

Die Tauschabende werden bis in die WM hinein weitergehen. Für Daniel Grützner ist an diesem Abend schon Finale: Er hat sein Album komplett. „Zur WM 1986 hatte ich mein erstes Album“, erzählt der 28-Jährige stolz, „doch das hier ist das erste, das ich voll bekommen habe.“

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