Berlin : Tausende nahmen gefährliche Arznei

Ärzte verordneten 11 000 Berlinern Vioxx, das jetzt zurückgezogen wurde

Ingo Bach

Auch in Berlin wurden tausende Schmerzpatienten mit dem umstrittenen Medikament Vioxx behandelt. „2003 wurden in der Hauptstadt über sechs Millionen Tagesdosen des Präparates verschrieben“, sagte Ulrike Faber, Arzneimittelexpertin der Barmer Ersatzkasse, dem Tagesspiegel. Anfang Oktober hatte der Vioxx-Hersteller, die amerikanische Firma Merck, wie berichtet, das Mittel vom Markt genommen. Es soll auch in Deutschland zahlreiche Todesfälle verursacht haben. Denn laut Studien ist das Risiko, einen Schlaganfall oder eine Herzattacke zu erleiden, deutlich erhöht, wenn das Präparat länger als 18 Monate eingenommen wurde.

„Allein bei der Berliner Barmer gibt es rund 100 Patienten, die mindestens ein Jahr lang ununterbrochen Vioxx einnahmen“, sagt Faber. Die Barmer ist in Berlin mit rund 360 000 Versicherten die zweitgrößte Krankenkasse. Laut dem Bundesinstitut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen wurden 2003 bundesweit 125 Millionen Vioxx-Tagesdosen verordnet, das entspreche mindestens 429 000 Patienten. In Berlin wären es demnach rund 11 000 Patienten.

Inzwischen haben sich Vioxx-Konsumenten an Berliner Rechtsanwälte gewandt, um Schadenersatz durchzusetzen. Bei Axel Schirmack, Experte für Schadenersatzrecht, haben sich bisher vier Patienten gemeldet. „Sie litten nach der Vioxx-Einnahme unter Herzflimmern, Unwohlsein oder Schwindelanfällen“, sagte Schirmack dem Tagesspiegel. Er prüft nun, ob Chancen für eine erfolgreiche Schadenersatzklage in den USA bestehen. Auch Anwalt Andreas Schulz vertritt Vioxx-Patienten. Außerdem gehörten die Angehörigen eines 2002 verstorbenen Berliners, der das Medikament länger als zwei Jahre eingenommen hatte, zu seinen Mandanten, sagte Schulz der dpa.

Die Rückrufaktion von Merck ist das Ende eines sehr erfolgreichen Medikamentes. Vioxx habe sich in Berlin außerordentlich schnell durchgesetzt, sagt Barmer-Arzneimittelexpertin Faber. „1999 kam es auf den Markt. Vier Jahre später war es schon unter den Top 30 der am meisten verordneten Arzneien.“ 2003 wurde es von Berliner Ärzten 104 000 Mal verschrieben – „das liegt über dem Bundesdurchschnitt“. Gesamtumsatz in der Stadt: 6,3 Millionen Euro.

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