Taxi! Einmal Badstraße, bitte! : Die billigste Straße bei Monopoly

Wo wollen Sie hin? In die Badstraße? Ganz sicher? Solche und ähnliche Fragen muss sich unser Autor einmal pro Woche anhören. Dabei will er einfach nur nach Hause. Hier beschreibt er die nächtlichen Taxifahrten in seine Straße, die selbst die Westverwandtschaft belächelt.

Philipp Juranek
Von der Badstraße zur Schlossallee - oder auch umgekehrt? Nur die Bank kann bei Monopoly nicht pleitegehen.
Von der Badstraße zur Schlossallee - oder auch umgekehrt? Nur die Bank kann bei Monopoly nicht pleitegehen.Foto: dpa

Aus beruflichen Gründen fahre ich einmal in der Woche Taxi; nach Feierabend, meist so gegen ein Uhr nachts, ist der Wedding mein Ziel. Genauer: Meine Wohnung in der Badstraße, meinetwegen also Gesundbrunnen, wobei: einmal Wedding, immer Wedding. Dass Gesundbrunnen seit 2001 ein eigener Ortsteil ist und wo genau die Grenzen verlaufen, das wissen die meisten nicht oder es ist ihnen egal, vor allem den Weddingern. Viele haben es wahrscheinlich nicht einmal mitbekommen. Auch für die Taxifahrer ist es Wedding, bleibt es Wedding.

Ich werde also durch die Berliner Nacht gefahren; durch Kreuzberg, durch Mitte, die Brunnenstraße hoch.

„Wo genau wollen Sie nochmal hin?“

Unser Autor Philipp Juranek
Unser Autor Philipp JuranekFoto: Philipp Juranek

In die Badstraße bitte. Ja, genau, in die Badstraße. Die billigste Straße bei Monopoly - darüber amüsiert sich sogar die Verwandtschaft aus dem Westen. Und die ist weit entfernt vom Berliner Gentrifizierungsgetöse. Immerhin ist sie eine von 22 Straßen bei Monopoly, 60 € kostet sie in der aktuellen Ausgabe, genauso viel wie die Turmstraße. In Moabit, nebenan.

Auf diesen Taxifahrten erlebt man regelmäßig, dass der Wedding, meinetwegen der Gesundbrunnen-Wedding, nach wie vor genau dort platziert wird, wo ihn die Macher von Monopoly dereinst sahen.

„Aah, Badstraße. Kennisch. Fah’ isch Sie hin. Ins Problemviertel.“

„Badstraße? Da ham Sie‘s zum Heroin ja auch nicht weit.“

Ach Freunde, lasst mich doch einfach hier wohnen. Ich will es, ich liebe es.

Wo abends die Maschinen starten, nach New York, Rio, Tokio

Wenigstens merkt man auf dem Balkon, hoch über der Badstraße, wo man ist, inmitten einer Duftwolke aus Curry, Feinstaub, Döner und Abgasen. Wo einem alle fünf Minuten die Ohren wegfliegen, weil Polizei oder Krankenwagen sich durch die Massen kämpfen. Wo man abends die Maschinen in Tegel starten sieht, sie fliegen über den Wedding, nach New York, Rio, Tokio.

Ich rede das hier nicht schön. Es ist schön.

„Lassen Sie mich bitte hier raus, genau hier rechts, vor dem Späti dort, neben Picaldi, hier. Danke!“

„Sind Sie sicher, hier? Was machen Sie denn hier?“

Ich lebe hier. Guten Abend.

Dieser Artikel erscheint im Wedding Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegel.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

24 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben