Berlin : Tayfun Bademsoy vermittelt ausländische Schauspieler an deutsche Regisseure

Jeannette Goddar

Früher, Ende der 70er, als der damals 21-Jährige zum ersten Mal vor der Kamera stand, war in der Welt des Films noch alles ganz einfach: Eine junge Türkin verliebte sich in einen Deutschen, gespielt von Herbert Grönemeyer; die Mutter weinte, der Vater tobte. Tayfun Bademsoy in der Rolle des großen Bruders schwor Rache, ging auf Grönemeyer los. Die kleine Schwester stellte sich dazwischen. Der Vater, tief getroffen, ging mit seiner Familie zurück in die Türkei. Die Tochter wurde verstoßen. "Zuhause unter Fremden" nannte man das damals.

Heute ist alles ein bisschen komplizierter. Der 41-jährige Bademsoy spielt in der ZDF-Serie "Ein starkes Team" einen Polizisten, von dem der Zuschauer zwischendurch mal erfährt, dass er Türke ist, und im "Tatort" einen Türken, der von einem Nazi umgebracht wird. Auch einen "ganz tollen Kebab" habe Bademsoy bereits abgegeben, attestiert ihm sein 23jähriger Kollege Fatih Alas. Auf Dönerbuden-Besitzer kann die Branche nicht mehr verzichten. Und die Branche kennt Bademsoy. Seit Januar ist er als Handlungsreisender in Sachen exotische Gesichter unterwegs. An der Wand hängt ein Sammelsurium von Fotos "seiner" Schauspieler, 180 sind es an der Zahl. Unter sieben Fotos steht "Rußland", unter zweien "Indien", unter einem "Jamaika". Und so weiter. An der Tür steht "Foreign Faces". Bademsoy betreibt in Charlottenburg die einzige Schauspieler-Agentur für ausländische - oder ausländisch aussehende - Schauspieler in Deutschland.

Der Laden brummt. Mobil- und Festnetztelefon lösen sich beim Klingeln ab. Bademsoy raucht, hebt ab, raucht weiter, blättert in Drehbüchern, die auf dem Tisch liegen, checkt die Termine der gebuchten Akteure. Nicht alle, aber die meisten Angebote sind verlockend: Ein italienischer Assistent für die Verfilmung von Donna Leons Kommissar Brunetti wird gesucht; sowie sieben Russen, die den Weg in den Westen antreten wollen. Der jüngste in der Agentur, gerade mal acht, hat gerade 42 Tage lang als Hauptdarsteller mit Roland Suso Richter ("Nichts als die Wahrheit") dessen neuen Film abgedreht.

Am Telefon sagt Bademsoy Sätze wie: "Mit den Italienern hat sich noch nichts ergeben." Oder: "Ja, ja, der spricht perfekt deutsch." Er hört Sätze wie: "Amerikanischer Akzent wäre schön" oder "Habt ihr einen Nordafrikaner?" Oder auch, und das, sagt er, sei an der Grenze: "Der macht den Japaner super!"

Dann gibt es Anfragen, über die Bademsoy lieber schweigt. Die der TV-Soaps auf Suche nach Quoten-Migranten, oder Anfragen von Produzenten, die sich 20 türkische Schauspieler vorführen lassen und dann den Türken von einem Deutschen spielen lassen. So etwas trifft Bademsoy - auch wenn er die Chance einräumt, dass sich das eines Tages ändert. "Solange man mir nicht die Rolle des Deutschen anbietet, ärgert mich das."

Ob er oder der junge Fatih Alas, der neben ihm sitzt, eines Tages einen Werner oder Heinz spielt, sei dahingestellt. Die Chancen jedenfalls stünden nicht schlecht, sind die beiden sich einig. "Wenn mehr Migranten in Fernsehen und Film zu sehen sind, werden sie irgendwann zu ganz normalen Schauspielern", glaubt - oder hofft - Bademsoy.

Auf dem Weg dahin ist ihm selbst eine Produktion wie Geißendörfers "Lindenstraße", die monatlich einen neuen Migranten samt Konflikt im Heimatland präsentiert, recht: "In den Köpfen der Produzenten hat das etwas bewegt. Immer mehr wollen das Bild von der Straße widerspiegeln. Viele wussten ja nicht, dass es uns gibt." Und schließlich hätten es die Ersten geschafft: Schauspielerinnen wie Renan Demirkan ("Die Reporterin") oder Jasmin Tabatabai ("Bandits") spielen deutsche Charaktere.

Manchmal aber ist gerade die Rolle eines Türken eine Herausforderung. "Das ist eine Welt, mit der ich fast nichts zu tun habe", sagt der 23jährige Fatih Akin, der aus Hanau stammt und Türke "nur vom Blut her" ist, wie er sagt. Noch so eine Herausforderung: Einen identitätskrisengeplagten Türken spielte er, der am Ende in Kreuzberg zum Neonazi mutiert. Als Fernziel möchte jedoch auch er lieber den Exoten mimen: "Ich sehe doch jung und adrett aus." Seinem 45-jährigen Kollegen Orhan Güner, der lange am Staatstheater in Ankara spielte, bleibt kaum was anderes übrig, als den Quoten-Ausländer zu spielen: "Für die, die hier geboren sind, ist das anders. Aber wenn man nicht perfekt Deutsch spricht, bleibt man der Gastarbeiter."

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