Berlin : Technozug nach Pankow

Alle reden von der Love Parade – aber wo tanzt der Raver den Rest des Jahres? Nach wie vor in Kellern und Hallen, aber nicht immer in szenigen Vierteln

Henning Kraudzun

Einmal im Jahr ist Love Parade. Doch wer hört an den anderen 364 Tagen eigentlich immer noch Techno? Jedenfalls gibt es immer noch so viele Raver, dass die Szene höchst lebendig ist. Sie tanzt wie zu den Anfängen in alten Industriehallen oder staubigen Kellern. Bestes Beispiel: Die Heeresbäckerei in der Köpenicker Straße. Bevor sich der Komplex in ein Medienzentrum verwandelt, werden noch regelmäßig Partys gefeiert. Für neue Strömungen im Techno bietet dort die Sonavista-Reihe eine Plattform. Computersound mischt sich hier mit Live-Instrumentalklängen, die schicke Mitte-Szene trifft auf Kreuzberger Studenten. Ähnliches gilt für den Club Maria, der vor einigen Monaten vom Ostbahnhof an die benachbarte Schillingbrücke gezogen ist. Das Programm ist insgesamt elektronischer geworden, für junge Berliner Technolabels wurde der Club zum Experimentierfeld.

Wer Raum für seine Musik braucht und kein Geld für Mitte-Mieten hat, muss auch mit weniger szenigen Bezirken vorlieb nehmen. So öffnete in der ehemaligen Zigarettenfabrik im sonst eher beschaulichen Pankow kürzlich der Compressor Club, ein Joint Venture namhafter Veranstalter. Es gibt zwei Tanzflächen, die durch Videoprojektionen und aufwendige Beleuchtung zu Erlebnisflächen werden. Andere Betreiber versuchten es sogar in der Lichtenberger Betonwüste. Der Club 80 db will mit kostenlosen DJ-Workshops und monatlichen Benefizpartys für die Aids-Hilfe zeigen, dass es nicht ausschließlich ums Geld geht. Doch nach Problemen mit dem Bezirksamt zog das 80 db unlängst nach Friedrichshain.

Auf Ämtergänge haben andere erst gar keine Lust. So galt das Glaswerk Stralau lange Zeit als einer der besten Clubs Berlins, der Zuspruch aus der Technoszene war enorm. Allerdings besaßen die Betreiber nur die Konzession für ein Internetcafé, die Feiern am Wochenende waren illegal. Die Polizei beendete schließlich den Tanz. Umsichtiger agieren da schon die Macher des Hangar am Friedrichshainer Markgrafendamm, die mit einem Verein den Rudolfkiez kulturell wiederbeleben wollen.

Reanimiert wurde jüngst auch die Pfefferbank in der Schönhauser Allee. Ursprünglich für Umbauten geschlossen, passierte ein knappes Jahr im Souterrain des Pfefferbergs nahe dem U-Bahnhof Senefelderplatz relativ wenig. Jetzt öffnete der Club wieder, allerdings mit dem Flair einer Baustelle. In wirtschaftlich schlechten Zeiten muss eben Geld in die Kasse kommen

Die wirtschaftliche Flaute ging auch an einem der ältesten Techno-Clubs nicht vorüber. Im Tresor in der Leipziger Straße in Mitte wollten immer weniger Raver tanzen, so dass das Club-Flaggschiff finanziell zu schlingern begann. Doch neue Party-Konzepte wie die Bookers Night, auf der Veranstalter in die DJ-Rolle schlüpfen und Vinyl-Dreher wiederum hinterm Tresen schuften, bringen nach Angaben der Betreiber wieder Zulauf. Schwer hatten es ihnen auch die Gerüchte gemacht, dass der Tresor schließen muss, weil die Immobilie verkauft wird. Doch er bleibt offen, derzeit mit neuem Mietvertrag bis Ende Januar. So kann man davon ausgehen, dass auch im 14. Jahr in der früheren Bank die Bässe wummern.

Wie schmerzlich so eine Schließung sein kann, offenbart sich nach dem Ende des Ostguts. Für seine Stammgäste gibt es nach wie vor keine vergleichbare Alternative und die Club-Betreiber machen erst mal Pause. Immerhin existiert für die Ostgut-Gemeinde eine neue Heimat im World Wide Web: Unter www.restrealitaet.de lebt der Club zumindest virtuell weiter.

Sonavista in der Heeresbäckerei jeden Mittwoch und den ersten Freitag im Monat, Köpenicker Str. 16, www.sonavista.de , Maria am Ufer, An der Schillingbrücke, www.clubmaria.de ; Compressor Club, Alte Zigarettenfabriken Pankow, Hadlichstr. 44, Fr + Sa ab 23 Uhr; Club 80 db, Revaler Str. 33, www.club80db.de ; Hangar, Markgrafendamm 14/15, Nähe Ostkreuz, unregelmäßige Partys; Pfefferbank, Schönhauser Allee 176, www.pfefferbank.de ; Tresor, Leipziger Str. 126a, www.tresorberlin.de ; Internet- Community des Ostguts: www.restrealitaet.de

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