Berlin : Tee mit Churchills Tochter

Lady Mary Soames erinnert an die Potsdamer Konferenz vor 51 Jahren

Elisabeth Binder

Als ihr Vater Winston Churchill am 15. Juli 1945 in der Ringstraße 23 am Griebnitzsee eintraf, um für die Briten an der Potsdamer Konferenz teilzunehmen, ließ er sich erstmal in einen Korbsessel fallen. Dann verlangte er nach einem großen Whisky. „Ja, so war er“, lächelt seine Tochter Mary, die ihn damals als 22-Jährige begleitete und gestern im Rahmen einer Tagung der Internationalen Churchill Society an die alten Schauplätze zurückkehrte. The Lady Soames heißt sie heute, das ist ein besonderer Ehrentitel, und in der englischen Gesellschaft ist sie unter anderem als hochaktive Patronin der Churchill Society geschätzt. Inzwischen ist sie 83 Jahre alt, wirkt aber jünger, mit ihren pudrig-rosigen Wangen, der taubenblauen Jacke und dem energischen Gang.

Abgesehen von einem kurzen Besuch bei der Grünen Woche 1961, bei dem Ruth Brandt sie begleitet hat, ist sie zum ersten Mal wieder in Berlin. Vor einer Rundfahrt zu den alten Schauplätzen in Potsdam, die auch den Cecilienhof einschloss, gab sie gestern früh im Steigenberger eine Pressekonferenz. Es hat sie geärgert, dass zwar an den Villen, in denen die Amerikaner und Russen damals residierten, Erinnerungstafeln befestigt waren, nicht aber an der Villa Urbig, der Residenz der Engländer. Jetzt gab es endlich grünes Licht für die Gedenktafel der Briten. Deshalb ist sie gekommen.

The Lady Mary Soames erinnert sich noch genau an ihren ersten Eindruck von dem Haus damals. „Es war ganz rosa und sah bezaubernd aus.“ Die Russen hatten die Villen in der damaligen Ringstraße (heute Virchowstraße) geräumt und das Viertel in eine abgeschirmtes Konferenzdorf verwandelt. Eine der damaligen Bewohnerinnen war gestern von Helmut Trotnow, dem Chef des Alliierten-Museums, zusammen mit Churchills Tochter zum Tee geladen. Abends gab es dann noch ein Gala-Dinner in Berlin mit einer Rede von Helmut Kohl.

Zu Deutschen habe sie damals gar keinen Kontakt gehabt, erinnert sich Lady Soames. Sie war als Leutnant der Armee eine offizielle Teilnehmerin der Konferenz. Da ihre Mutter in England zu tun hatte, kümmerte sie sich aber auch um den Vater und organisierte Dinner-Partys. Bei der Konferenz traf sich Churchill mit Harry S. Truman und Josef Stalin, um über das weitere Vorgehen in Deutschland und Japan zu beraten. Zur Delegation von Harry S. Truman hatte Mary Churchill damals aber keinen großen Kontakt. Sie kannte eher die Leute von dessen Vorgänger Roosevelt, der drei Monate zuvor gestorben war. Allerdings habe es zwei sehr nette russische Offiziere gegeben, die sie selbst und Mrs. Eden (die Frau des damaligen britischen Außenministers) herumführten. Auch an einen Ausflug in das zerstörte Berlin und zum Hitler-Bunker erinnert sie sich, vor allem wegen der seltsam bedrückenden Atmosphäre: „Es war staubig, heiß und sehr windig.“

Was der dramatischste Augenblick war, damals in der Villa Urbig? „Der Ausgang der Wahlen“, sagt sie spontan. Noch während die Potsdamer Konferenz andauerte, verlor der konservative Winston Churchill in England die Unterhauswahlen, und der Labour-Politiker Clement Attlee wurde Premierminister. Dieses Ereignis muss die Briten damals vor allem anderen unter Spannung gesetzt haben, denn die Tochter kommt wiederholt darauf zu sprechen, zumal es eine Weile dauerte, bis die Stimmen der Auslandsbriten endlich ausgezählt waren.

Ihr Vater sei absolut überzeugt gewesen, dass Deutschland und Europa wieder aufstehen würden. „Er hatte großartige Prinzipien“, erzählt sie. „Wenn der Sieg einmal errungen war, gehörten alle harten Gefühle der Vergangenheit an.“ Trotzdem war es eine Zeit voller Unwägbarkeiten. „Heute wissen wir, wie es ausgegangen ist“, sagt die alte Lady ernst. „Damals konnten wir nur hoffen.“

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