Tegel Flight Academy : Das Mitfliegen lernen

Ein neuer Flug von Tegel nach Tegel lehrt die Passagiere, was es mit dem Gerumpel an Bord auf sich hat und wie sich ein Notfall-Sinkflug anfühlt.

Nándor Hulverscheidt
Bevor es in die Luft ging, nutzten Einige die Möglichkeit zum Blick über das Rollfeld.
Bevor es in die Luft ging, nutzten Einige die Möglichkeit zum Blick über das Rollfeld.Foto: Nándor Hulverscheidt

Es knistert aus den Lautsprechern. Das Kabinenlicht über den Köpfen der Passagiere flackert. „Sehen Sie, gerade haben wir auf die Stromversorgung durch die Triebwerke umgeschaltet.“ Cyrus Sadri, der die 130 Fluggäste mit dieser Erklärung beglückt, ist sowohl Pilot als auch Radiomoderator. Mit seiner Auskunftsfreudigkeit hat das allerdings eher weniger zu tun. Auch sein Kollege, Flugkapitän Derek Fund, hat am Vormittag den Passagieren nicht etwa aus Langeweile eine Stunde lang Rede und Antwort gestanden. Entscheidend ist: Flug 1234 von Berlin-Tegel nach Berlin-Tegel ist Teil eines wahrscheinlich einzigartigen Pilotprojekts der deutschen Firma Airevents.

Zum Nordpol und den Polarlichtern

Drei Mann organisieren unter diesem Namen Rundflüge zum Nordpol und den Polarlichtern oder chartern alte und seltene Maschinen für zahlungskräftige Luftfahrtenthusiasten. Ab Berlin-Tegel geht es für 200 bis 300 Euro in die Luft. „Wir experimentieren jetzt erstmals mit einem Angebot, das gerade Neulingen das Fliegen näher bringt“, erklärte Airevents-Mitgründer Lutz Schönfeld vor kurzem bei der Premiere. Die zweite Ausgabe der „Flight Academy“ findet im November statt. Flugpersonal und Maschine stellt die Charterabteilung von Air Berlin zu Verfügung. Durch die Zusammenarbeit mit der Fluggesellschaft ist auch ein Besuch in deren Wartungshangar möglich - ein Blick aus nächster Nähe auf die Technik.

Der Kontrollturm des Flughafens Tegel am Vormittag: Gute Wetterbedingungen für den Sonderflug.
Der Kontrollturm des Flughafens Tegel am Vormittag: Gute Wetterbedingungen für den Sonderflug.Foto: Nándor Hulverscheidt

Wissen gegen Flugangst

Doch die Passagiere sollen nicht nur Erklärungen erhalten, sondern auch spüren, was ein Verkehrsflugzeug zu leisten in der Lage ist:  „Normalerweise starten wir oft mit reduziertem Schub, um Sprit zu sparen. Heute wollen wir natürlich zeigen, was Power ist“, hatte Flugkapitän Derek Fund in seinem Vortrag angekündigt. Als der dutzende Tonnen schwere A319 schließlich mit seinen annähernd 20.000 PS auf der Bahn 26L zu Beschleunigen beginnt, muss Passagier Kai-Uwe Eckhardt schmunzeln. „Zieht doch ganz gut, muss ich schon sagen.“ Bis auf siebeneinhalb Kilometer geht es hoch in den Himmel über Berlin. Eckhardt, der beruflich viel fliegt, hat seit einem unglücklichen Start, bei dem das Flugzeug an einer der Tragflächen plötzlich den Auftrieb verlor, in der Luft ein mulmiges Gefühl. „Das macht es für mich besonders interessant, mehr über die Hintergründe zu lernen.“

Slalom im Airbus

Kurz nachdem das Flugzeug die letzten Wolken hinter sich gelassen hat, meldet sich erneut Flugoffizier Sadri. Man habe gerade die Freigabe der Flugsicherung für ein Manöver erhalten. Sonderflug hin oder her, alles muss abgesprochen und genehmigt werden. Kaum ist die Durchsage vorbei, geht das Flugzeug auch schon in eine scharfe Linkskurve und gleich darauf in eine Rechtskurve. „Woah“, ist aus dem hinteren Teil der Kabine zu hören, während der Airbus sich immer weiter zur Seite neigt – bis zu 35 Grad. Passagier Ralph Schledermann ist allerdings noch nicht wirklich beeindruckt. In Myanmar habe er mal einen Flug erlebt, da sei das Gepäck in einem riesigen Netz vor den Passagierreihen verstaut gewesen. „Als es dann beim Start nach oben ging, knirschte das Teil als wäre es kurz vorm Reißen“, erzählt der 58-Jährige. Eines hat allerdings auch er noch nicht erlebt: den Abbruch einer Landung. Dieses Szenario ist bei Flug 1234 fest eingeplant und angemeldet.

Derek Fund, Kapitän des Sonderfluges 1234, hat tausende Flugstunden hinter sich.
Derek Fund, Kapitän des Sonderfluges 1234, hat tausende Flugstunden hinter sich.Foto: Nándor Hulverscheidt

Ein geplanter Notfall

Da in Tegel für solche Späße aber zu viel Betrieb herrscht, fliegen die Piloten Richtung Norden. Schon kurz darauf kommt Usedom in der Ostsee in Sicht. Dort, am Flugplatz von Heringsdorf geht es in Landeeinstellung herunter bis auf 60 Meter über dem Boden, dann geben die beiden Piloten Vollgas. Die Triebwerke heulen auf, wie beim Start werden die Fluggäste in ihre Sitze gedrückt und das Flugzeug gewinnt wieder an Höhe. Aber: alles weniger dramatisch, als er es erwartet habe, findet Passagier Eckhardt. Passagier Schledermann ist von der Standfestigkeit der Flugtechnik beeindruckt. „Es ist schon klasse, dass diese Notfall-Manöver so kontrolliert geflogen werden können. Da habe ich auch vor den Piloten Respekt.“ Für Patrick Geier war die Teilnahme an der „Flight Academy“ der erste Flug seines Lebens – ein Geschenk seines Vaters. Spannend und interessant sei es für ihn gewesen, resümierte der 15-Jährige nach der Landung in Tegel. „Und wenn ich nochmal fliegen sollte, sind mir jetzt alle Ängste genommen.“

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