Tegel : Kirche überrascht von Missbrauchsvorwürfen

Funktionäre und Gemeindemitglieder sind geschockt von den Missbrauchsvorwürfen gegen den Tegeler Pfarrer Stefan M. Eine Kommission soll die Anschuldigungen nun prüfen. Der Vorgang könnte Jahre dauern.

von und

Am Wochenende hat die Katholische Kirche die Vorwürfe gegen Stefan M. öffentlich gemacht – aber viele Kirchenmitarbeiter wollten am Montag kaum glauben, was man dem Tegeler Pfarrer vorwirft. M. war von einem anonymen Anrufer des Missbrauchs an einem Minderjährigen in den 90er Jahren bezichtigt worden. Das hatte der Beauftragte des Erzbistums für derartige Verdachtsfälle, Domprobst Stefan Dybowski, am Sonntag bekannt gegeben. Eine Kommission untersucht den Vorwurf. Solange ist M., der laut Bistumssprecher Stefan Förner aus gesundheitlichen Gründen um eine Auszeit gebeten hatte, nicht seelsorgerisch tätig.

Klaus-Günter Müller – seit 1999 Propst an der Potsdamer Gemeinde St. Peter und Paul – fiel am Montag „aus allen Wolken“, als er aus der Zeitung von den Anschuldigungen gegen den früheren Kaplan erfuhr. Stefan M. hatte die Gemeinde 1997 verlassen. Vorwürfe oder auch nur Gerüchte gegen M. seien ihm nie zu Ohren gekommen. Das bestätigt auch die pastorale Mitarbeiterin Elsa-Maria Liebe von Glowczewski, die mit M. zusammengearbeitet hat. In der Kirchengemeinde St. Dominicus in Neukölln, wohin M. danach wechselte, habe es nie entsprechende Vorwürfe gegeben, sagt eine Mitarbeiterin des Pfarramtes. Und in der Pfarrei Salvator in Anklam, wo M. ebenfalls drei Jahre tätig war, würde es den heutigen Pfarrer Michael Wiesböck ebenfalls „sehr überraschen“, wenn sich der Vorwurf bestätigen sollte. M. selbst wollte sich gestern nicht äußern.

Wird ein Pfarrer verdächtigt, sich einem Kind oder einem Jugendlichen unsittlich genähert zu haben, beginnt inzwischen für die katholische Kirche eine schwierige Gratwanderung zwischen Verdächtigung und Prävention. So auch jetzt im Fall von Pfarrer Stefan M. von der Gemeinde Herz-Jesu in Tegel. Ihm wird „minderschwerer Missbrauch“ vorgeworfen, wie Bistumssprecher Förner sagt, sprich: Es geht hier nicht um den Vorwurf des erzwungenen Geschlechtsverkehrs oder um ausgeprägte Pädophilie, sondern um nach Ansicht des Betroffenen unangemessene Berührungen. Dennoch habe die Kirche entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen – auch, um sich nicht wie in der Vergangenheit dem Vorwurf der Untätigkeit auszusetzen, wie Förner sagt.

Kardinal Georg Sterzinsky und Dompropst Dybowski hatten nach der Beschuldigung Voruntersuchungen eingeleitet und den Pfarrer angehört, nun folgen Befragungen in Gemeinden, in denen M. eingesetzt war. Die Ermittlungen können sich hinziehen. Das zeigt ein Beispiel aus diesem Jahr: In der Gemeinde in Hohenschönhausen, in der Ende Januar ein Verdachtsfall bekannt geworden ist und seit Sommer 2009 ermittelt wird, liegt immer noch kein Ergebnis vor.

Autor

3 Kommentare

Neuester Kommentar