Tegel : Mäckeritz statt Mallorca

Ferne Ziele? Die sind bald Vergangenheit. Der Flughafen Tegel soll bodenständig werden. Mit Wohnungen und viel Grün. Aber der Planungsprozess beginnt erst

Christian van Lessen

BerlinWas bleibt vom Flughafen Tegel, wenn in vier Jahren Schluss mit Fliegen ist? Eines zumindest scheint sicher: „Das Flughafengebäude wird nicht verändert“, sagt Manuela Damianakis von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Aber es werde schwierig, eine sinnvolle neue Aufgabe für den Gebäudekomplex zu finden, denkbar sei etwa ein Messestandort. Schwierig aber wird es vor allem, für das riesige Rollfeld eine Nutzung zu finden. Noch ist nur das Ende des Flughafens beschlossen, aber längst noch kein Anfang irgendeiner Zukunft. „Wir beginnen den Planungsprozess und sind dabei, den Flächennutzungsplan anzupassen.“

Anpassen heißt, sich auf den Weg zu machen, ein großes Stück freies Feld der Stadt so zurückzugeben, dass sie damit auch etwas anfangen kann. Erst einmal droht eine Brache. Von 2012 an ist jeder zivile Flugverkehr verboten, auch die Flugbereitschaft des Bundes zieht vermutlich Richtung Schönefeld.

Noch ist Tegel im nördlichen, militärischen Bereich Regierungsflughafen. Der Verkehrsflughafen, der nach dem 1974 eröffneten neuen Terminal zum größten Passagierflughafen der Stadt wurde, wird wegen des neuen Großflughafens BBI nicht mehr gebraucht. Der damals 400 Millionen D-Mark teure Flughafen Tegel-Süd, nach Flugpionier Otto Lilienthal benannt, war supermodern. Hier landete zur Eröffnung erstmals ein Jumbo Jet, Berlin hatte Anschluss an dem modernen Luftverkehr bekommen. Der Airport der kurzen Wege wurde international hochgelobt, machte das junge Architektenteam von Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg weltbekannt. Nun ist er schon auf dem Weg zum alten Eisen. Dabei ist es erst ein knappes Jahr her, dass für zwölf Millionen Euro eine Abfertigungshalle für Urlaubsflieger gebaut wurde.

Wer in ein paar Jahren hier vorbeikommt, wird nicht mehr Mallorca, sondern die Mäckeritzwiesen vor Augen haben. So heißt eine nahe Kolonie, in deren Umfeld, das Flughafengelände „renaturiert“ werden soll. Wesentliche Teile des Flughafengeländes sollen zur Natur werden, meint die Senatsbehörde, feuchte Wiesen hat es hier einst gegeben. Und das grüne Idyll, das der Verwaltung vorschwebt, soll durch hochwertiges Wohnen mit Einfamilienhäusern ergänzt werden, und Platz für Gewerbe und Freizeit dürfte auch nicht fehlen.

Es gibt, wie berichtet, ein Planwerk Westraum, das von einer Erschließung des Geländes vom Kurt-Schumacher-Damm ausgeht. Eine große Erholungslandschaft könnte entstehen, die sich zwischen Jungfernheide und Flughafensee ausbreitet, als Teil einer grünen Verbindung zwischen Rehberge – gar dem Hauptbahnhof – und dem Tegeler See: Visionen in diversen Schubladen gibt es viele. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) machte den Vorschlag, hier ein Olympisches Dorf zu errichten, aber aus einer fernen Olympia-Kandidatur wurde nichts. Die Reinickendorfer Bezirksbürgermeisterin Marlies Wanjura (CDU) sieht weniger visionär in die Zukunft, sie will den Airport retten und für Regierungs- und Geschäftsflieger offen halten. Das forderte sie schon vor einem Jahr. Aber die Debatte über die Zukunft des Flughafens Tempelhofs, dessen Schließung nun offenbar wirklich besiegelt ist, läuft den Überlegungen über die Zukunft Tegels noch den Rang ab. Es gibt einen Parlamentsbeschluss, für das Gelände in Tegel einen breiten öffentlichen Diskussionsprozess zu führen. Noch sind die Vorstellungen der Parteien so vage wie die Ideen des Senats.

Vor acht Jahren, als die Schließung des Flughafens Tegel für das Jahr 2007 angekündigt worden war, hatte zumindest der Architekten- und Ingenieurverein (AIV) zu Planungsvorschlägen aufgerufen. Junge Architekten regten beim Schinkel-Wettbewerb ein „Fun-Center“ samt High-Tech-Spielhölle und Freizeitpark an, oder auch einen „Kunstpark“: Die Startbahn könnte Kanal, die Landebahn Waldstreifen, das Flughafengebäude ein Center für neue Medien werden.

Das Flughafengebäude scheint der einzig ruhende Pol in der künftigen Landschaft zu sein. Vielleicht reicht bald die Jungfernheide, garniert mit Einfamilienhäuschen und Gewerbe, bis ans Terminal heran. Und unter dem weiten Feld der neuen Grünflächen werden sich die Autofahrer fragen, warum sie noch durch den „Flughafentunnel“ rollen.

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