Tegeler See : Valentinswerder: Reif für die Insel

Valentinswerder ist die zweitgrößte Insel im Tegeler See. Wer kein Boot hat, kommt dort kaum mehr weg. Nur 26 Insulaner leben dauerhaft auf dem Eiland. Künstler und Kreative haben sich dort Traumhäuschen gebaut.

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Mit dem Boot zur Schule. Für Filip Hetzer auf Valentinswerder ist das Alltag. Am Außenborder sein Vater Knut Hetzer, im Bug Roxy. Fotos: Mike WolffWeitere Bilder anzeigen
Fotos: Mike Wolff
29.05.2011 21:05Mit dem Boot zur Schule. Für Filip Hetzer auf Valentinswerder ist das Alltag. Am Außenborder sein Vater Knut Hetzer, im Bug Roxy.

Genervt auf Parkplatzsuche nach ihrem Yogakurs in Charlottenburg – das war einmal. Caroline Goldie erlebt auf dem Heimweg von einem schönen Abend in der City heute „wundervolle Momente“. Besonders in mondhellen Nächten, wenn das Wasser am Bug ihres Bootes schäumt und die Scherenschnitt-Silhouette der Insel aus dem See aufsteigt. Sie stellt ihr Auto am Ufer in Tegelort ab, steigt auf den Kahn um und steuert auf die Bucht zu, in der ihr Haus steht. Wenn sie nach Valentinswerder übersetzt, fühlt die Dokumentarfilmerin sich „wie die Trapper in Karl-May-Romanen“. Sie wohnt mit ihrer Familie auf der zweitgrößten Insel im Tegeler See.

Die Einwohner sind überschaubar: 26 Insulaner, Kinder und Erwachsene, in 12 Häusern. Außerdem gibt es auf der 2,4 Kilometer langen und 13 Hektar großen Insel noch Ferienhäuschen, einen Platz für Dauercamper sowie zwei Clubs von Anglern und Seglern. In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der etablierten Insulaner verdoppelt, es kommen auch mehr und mehr Ferien- und Wochenendbewohner. Besonders Künstler, Architekten, Medienleute und andere Kreative entdecken die Insel. Sie reißen marode Lauben ab, bauen neu, sanieren oder gestalten Häuser originell um.

Die neu entbrannte Liebe hat drei Gründe: Zum einen wird der Flughafen Tegel im Juni 2012 geschlossen, dann verstummt der Lärm der Jets über dem See. Außerdem bekommt man auf Valentinswerder richtige Inselgefühle. Und schließlich ist Valentinswerder keine von Wasser umspülte Kleingartenkolonie wie das benachbarte Maienwerder.

Die Insel wurde seit 1874 als Landhauskolonie angelegt. Zuvor hatte sie der Bauunternehmer Paul Haberkern erworben. Er ließ einen Park pflanzen mit einem Rondell und vier Baumalleen, die sternförmig abgehen. Villen im Stil der Gründerzeit entstanden, zudem Cafés wie das „Golf von Neapel“. Von Beginn an gab die Familie Haberkern ihre Insel nicht aus der Hand. Die Häuser gehörten zwar den Bewohnern, der Baugrund aber wurde nur verpachtet, um die Gestaltung des Inselreiches weiter beeinflussen zu können. Im Zweiten Weltkrieg wurden etliche Villen zerbombt, danach kümmerte sich die Familie immer weniger um Valentinswerder. Natur überwucherte den historischen Grundriss, Laupenpieper parzellierten die Villengärten.

Erst Werner Haberkern, Urenkel des ersten Eigentümers, stoppte diese Entwicklung. Vor 15 Jahren hat der heute 67-jährige Geschäftsmann die Insel übernommen. Seither ließ er das Rondell und die Alleen wieder herstellen und einen Rundweg anlegen.

Zu 95 Prozent ist die Insel sein Privatbesitz, denn nahezu alle genutzten Grundstücke werden wie eh und je verpachtet. Haberkern wohnt zwar selbst in Bremen, die einstige Inselansicht wieder herzustellen, ist für ihn aber „eine Herzensangelegenheit“. Dafür beschäftigt er einen Inselwart und drei Gärtner Die meisten Grundstücke sind vergeben, die Warteliste ist lang. Ein Rückschlag ist für viele Insulaner das Aus des Fährverkehrs zum Festland. Wer kein Boot hat, kommt kaum mehr weg, weshalb Inselwart André Reuter jetzt oft zum Festland pendeln muss – ein Hüne in ausgeleiertem Trainingsanzug, mit breitem Lächeln und rotblondem Zopf. Bei der dreiminütigen Überfahrt dreht er den Außenborder so hoch, dass seinem Terriermix Maja am Bug die Ohren flattern.

Drüben auf der Insel stehen rubinrote Rhododendren zwischen Buchen und Kastanien, Flieder duftet, die Pfingstrosen sind aufgeblüht. Spechte hämmern, als gelte es, alles andere zu übertönen. In solchen Augenblicken weiß André Reuter ganz genau, warum er der Insel seit 15 Jahren treu ist. 1996 kam der Zimmermann erstmals nach Valentinswerder, er sollte ein Ferienhaus reparieren. „Ich war sofort verliebt“, erzählt er. Kurz darauf brachte er seinen Hausstand über den See. Längst gilt er als Seele der Insel. Reuter, der Allrounder, kümmert sich um Reparaturen, Handwerker, nimmt angelieferte Baumaterialien mit seinem Trecker in Empfang. Er kennt alle Insulaner persönlich: etwa das polnische Ehepaar, das mit Töchterchen Chiara vor zwei Jahren nach Valentinswerder übersiedelte und sich ein neues Haus nach dem Vorbild der einstigen gründerzeitlichen Villen baute. Oder die WG von Handwerkern und Künstlern, die bizarre Musikroboter zusammenbaut. Sie leben am Badestrand an der Südallee.

Nimmt man von hier aus den Uferweg, reihen sich die Refugien wie im Bilderbuch aneinander. Häuser und Häuschen, jedes individuell gestaltet. In einem verwunschenen Garten haben sich ein Lehrer und eine Journalistin ihr Traumheim aus Glas und Holz geschaffen. Im Gebäude nebenan sind Veranden und Fenster himmelblau gestrichen. Am Nordwestufer überraschen futuristische Sommerhäuser aus Birkenholz; Kunststudenten haben sie entworfen. Ganz in der Nähe glitzert am Bungalow zweier Architekten eine Spiegelwand. Und am Rande des Campingplatzes finden sich bunt bemalte Zirkuswagen, komfortabel ausgebaut.

André Reuter legt die Inselkarte wie ein Schatzsucher auf den Boden. Nach Osten verjüngt sich das Eiland, hier erreicht man eine zweite Siedlung neben dem Erlenbruch – Kleinvalentin. Wie wird die Insel mit Energie versorgt und entwässert? Bis 2008 brauchten die Bewohner noch Generatoren, seither gibt es ein Kabel unter der Havel hindurch. Eine Kläranlage soll bald die Gruben ablösen. „Wie Robinson Crusoe fühlt man sich hier nicht mehr“, sagt Filmemacherin Caroline Goldie. Sie wohnt mit dem Bühnenbildner Knut Hetzer und dessen neunjährigem Sohn Filip am Nordufer. „Wir leben im Alltag in einem Urlaubsparadies und sind doch in 45 Minuten in der Stadt“, sagt sie.

Die Post holen sie aus den Briefboxen der Insel in Tegelort. Filip besucht dort die Grundschule, per Boot kommt er zum Unterricht. Zweimal hat er sich im vergangenen Winter allerdings verspätet, weil Eisschollen die Fahrt stoppten. Überhaupt: das Eis. Täglich mussten die Insulaner die Fahrrinne freischlagen. Das soll künftig bequemer werden. Die Technische Universität entwickelt einen Mini- Eisbrecher für Valentinswerder. Ach ja, und dann die Wildschweine: Schwimmen zur Insel und verwüsten Gärten.

Bei schlechtem Wetter kann Valentinswerder sehr einsam sein. Spontanbesuch kommt dann selten. Ganz anders jetzt. Wenn die letzten Tagesgäste weg sind und Caroline Goldie von ihrer Veranda über den gekräuselten See blickt, genießt sie die Stille – und ihr kleines Glück.

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