Berlin : Tel Aviv, nicht mehr non stop

Amory Burchard

Ihre Interviews gibt Judith Katzir in der Henry-Miller-Suite eines Charlottenburger Hotels. Das provoziert eine erste Frage an die Schöpferin der schriftstellernden Studentin Rivi, die in Rom und Paris an der Seite ihres Geliebten zuerst die Hotelbetten kennen lernt: Dürfen wir sie als weiblicher Henry Miller der jungen israelischen Literatur bezeichnen? Judith Katzir nimmt an, dass es sich um einen Scherz handelt, und wartet auf die zweite Frage.

Bleiben wir bei dem wundervollen Buch über Rivis unmögliche Liebe, bei "Matisse hat die Sonne im Bauch" von 1995 (btb-Taschenbuch 1999). Dieser zweite Roman brachte der 1964 geborenen Judith Katzir den Ruf einer sinnlichen, tiefsinnigen und reich erzählenden Autorin ein. Woher schöpfte sie diesen Reichtum, wenn nicht aus eigener Erfahrung? Der Roman sei schon autobiographisch geprägt, gibt Katzir jetzt zu, aber vieles habe sie auch geschildert, "wie ich vielleicht wünschte, dass es gewesen wäre". So sei es auch bei den überhaupt nicht erfunden wirkenden Familiengeschichten im zuletzt erschienenen Erzählband "Leuchttürme, landeinwärts". Die Großeltern, die sich bei einer Schiffspassage nach Palästina kennenlernen, der Geschmack von gefrorenen Kartoffeln im Polen der vierziger Jahre: Ihre Eltern und Großeltern hätten immer nur Bruchstücke preisgegeben, die sie weitererzähle. In Berlin sucht sie bei diesem Besuch nach der jüdisch-deutschen Kultur der 20er Jahre. Ihre Großmutter, die damals hier Sozialpädagogik studierte, konnte ihr nichts mehr erzählen. Sie starb zu früh, aber sie starb in Israel, wo die Familie seit acht Generationen lebt.

Eine weitere, nicht minder sinnliche Hauptrolle neben Rivi spielt Tel Aviv. Es ist das junge, wilde und zugleich geschichtsträchtige "Tel Aviv non stop" der diesjährigen Jüdischen Kulturtage in Berlin. Man möchte das "Matisse"-Buch wie einen Reiseführer lesen und auch in diese Cafés am Meer, in dieses Palatschinken-Haus gehen oder in den Bücherladen des Herrn Golden an der Ecke Ben-Yehuda-/Mapu-Straße. Diese Orte, sagt Judith Katzir, gibt es irgendwo in Tel Aviv. Der Buchladen existiert genau so, wie sie ihn beschrieben hat, um eine Querstraße verschoben. Im Roman beschreibt Katzir die Liebe Goldens zu jungen Musikern und Dramatikern, mit denen er stundenlang durch die Straßen schlendert, anstatt Geschäfte zu machen. Der reale Buchhändler sei ihr dafür böse. Er wollte nicht als heimlich homosexueller Verlierer bekannt werden.

Golden in Tel Aviv zu suchen, um ihn fragen zu können "Sind Sie nicht ... ?" wäre also keine gute Idee. Überhaupt mag Judith Katzir zur Zeit niemanden in ihre geliebte Stadt einladen, "der nicht unbedingt dort sein muss". Entschuldigung an den Tourismusminister, aber Tel Aviv non stop gebe es nicht mehr. Wenn im Radio wieder die Warnung kommt "Verdacht auf einen Terroranschlag im Zentrum des Landes" seien die Straßen und die Cafés und die Einkaufszentren von einer Minute auf die andere wie leergefegt.

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