Tempelhof : Abflug in die Geschichtsbücher

Zum letzten Mal konnten Besucher am Montag in Tempelhof noch einmal so etwas wie Flughafen-Romantik spüren. Die letzten drei Flieger, die dort noch standen, hoben ab.

Annette Kögel
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Zum Schluss hielten alle den Atem an: Kaum hatte Henning Lueg seinen knallroten, bollernden Doppeldecker von der Air Tempelhof in die Luft gezogen, da vollführte er schon eine spektakuläre Linkskurve im Tiefflug über den Köpfen der Dutzenden „Planespotter“ hinweg. „Spektakulär“ raunten die einen, „gefährlich“ die anderen und wurden still. Zuvor hatte es noch Szenenapplaus von der Menge gegeben – als der Pilot auf der Startbahn ausstieg und sein „Tempelhof wird bleiben!“-Plakat hochhielt. Einsatz eines Flughafen-Befürworters also bis zur letzten Sekunde. Völlig regelgerecht und ohne Mätzchen hob Pilotin Viola Holtzmann mit Copilot Detlef Bosin in der „Beechcraft Bonanza“ ab. Am Montag gegen halb eins waren auch die letzten drei Flieger von Tempelhof in den Winterhimmel verschwunden, das Röhren verklungen.

„Das ist der Sound of Silence“, sagt Eveline Tscharntke, 61, aus Spandau, mit Teleobjektiv-Kamera und steigt von ihrer Haushaltsleiter auf dem „Planespotter“-Rodelhügel an der Neuköllner Oderstraße. „Feierabend“, seufzt Ralf Manteufel, der extra an die Einflugschneise gezogen war, um jedes Flugzeugmodell am Dröhnen der Motoren zu erkennen. Und dann rechnen die Befürworter, die den Glauben an einen von einem neuen Investor betriebenen Privatflughafen immer noch nicht verlieren wollen, vor, dass die Airport-Schließung die Steuerzahler im ersten Monat schon die erste Euro-Million gekostet hat. Genau solche Diskussionen wollte Berlins Regierender Bürgermeister indes im Zuge des Abfluges der drei letzten Mohikaner verhindern, die wegen schlechten Wetters nicht mehr rechtzeitig weggekommen waren.

Anlässlich der finalen Flüge hatten sich im Büro der in Tempelhof verbliebenen „Tempelhof Aviators Flugschule“ allerlei Gäste versammelt – als Ausbildungsleiter Thomas Schüttoff einen Anruf der Tempelhofer Gebäudeverwaltungsfirma BIM bekam. Demnach habe es angeblich aus der Pressestelle von Wowereit die Anweisung gegeben, Medien seien unerwünscht. „Das klingt nach Minidiktatur und DDR-Zeiten, das ist eine Einschränkung der Pressefreiheit“, ärgert sich Rainer Pfau, Pilot des zuerst gestarteten grünen Antonow-Doppeldeckers. Natürlich hatten sich längst Medienvertreter in den Privaträumen versammelt. Und sie wurden Zeuge der bis zur letzten Sekunde spannenden Vergabe des Platzes des nun wirklich letzten Fliegers.

Dem Beechcraft-Pilotenteam Holtzmann/Bosin war das eigentlich egal, und so hatten sich alle für eine Verlosung entschieden. Der wollte sich Pilot Pfau plötzlich nicht anschließen, so dass letztlich Viola Holtzmann als letzte abhob – ihre Maschine ist am längsten in Tempelhof stationiert. „Das war eher ein trauriger Moment“, sagt die 44-Jährige. Während des Fluges gab es wegen der hohen Konzentration keine Zeit für rührselige Momente, sagt Holtzmann. Vielmehr war man über die plötzlichen Manöver und ein überraschend aufgetauchtes Foto-Flugzeug erstaunt, auf diese mussten sich die nach Sichtflug-Regeln fliegenden Piloten einstellen. „Planespotter“ beobachteten, dass die Antonows vorher durch Verzögerung des Startes versucht hatten, als letzte abheben zu können.

Die beiden Beechcraft-Piloten mussten sich später von einem Bekannten per Autoshuttle von Schönhagen zurück nach Tempelhof bringen lassen, die Antonows flogen nach Finow und Strausberg. „Das schönste war, die Winterlandschaft von oben zu betrachten“, sagt Pilotin Viola Holtzmann. 

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