Tempelhof : Argumente im Tiefflug

Am 27. April wird über den Flughafen Tempelhof abgestimmt. Welche Seite hat die besseren Plakate, haben wir einen Experten gefragt. Die Antwort fiel eindeutig aus.

Katrin Zeug
Tempelhof-Kampagnen
Tempelhof-Kampagnen. Gegner versprechen das Paradies, Befürworter inszenieren sich als Retter des Volkswillens. -Bild: ddp

Die ganze Stadt ist gepflastert mit Plakaten zum Bürgerentscheid um den Flughafen Tempelhof. Mit klassenkämpferischen oder erinnerungsschwelgenden Parolen wird um einen Sieg am 27. April 2008 gekämpft: Die Bürgerinitiative ICAT und die CDU sind für einen weiteren Flugbetrieb; das Bündnis für ein flugfreies Tempelhof – dem SPD, Bündnis 90 die Grünen, Linke, verschiedenen Umwelt- und Bürgerinitiativen angehören – ist für die Schließung des Flughafens. Wie gut sind die Plakate beider Seiten, hat der Tagesspiegel einen Experten gefragt. Johannes Krempl ist Geschäftsführer der Berliner Werbeagentur Glow und Mitglied der Plakatjury des renommierten Art Directors Club. Nachfolgend seine Analyse. Sein Fazit: Die Kampagnen beider Seiten sind ein Desaster!

DIE PLAKATE FÜR DEN FLUGBETRIEB

Optisch sind diese Plakate auf dem neuesten Stand und ästhetisch gut gestaltet: Sie sind schlicht mit einer modernen Farbgebung. Das Grün des Logos ist nicht gewöhnlich und wirkt zusammen mit dem hellblau ungesehen frisch.

Inhaltlich dagegen sind sie völlig nichtssagend. „Alle Macht geht vom Volke aus!“ Das hat nichts mit dem Flughafen zu tun. Soll das ein Grund dafür sein, ihn zu erhalten? Oder soll mich überzeugen, dass 74 Prozent der Berliner dafür sind? Wer wird denn hier als Berliner gezählt, mich haben sie bisher noch nicht gefragt. Ich glaube, die haben einfach etwas geschrieben, was keiner anfechten kann – mit dem Ergebnis, dass jetzt keiner weiß, was gemeint ist.

Der Spruch des CDU-Plakates „Ich bin ein Berliner“ dagegen ist nicht schlecht. Kurz und knackig. Prägnant – vielleicht ein bisschen zu bekannt – aber in diesem Zusammenhang neu. Der Satz schafft womöglich alles, was die Kampagne will: ein bisschen Rosinenbomber-Erinnerungen und Emotionen wecken.

Besser als diese emotionale Schiene anzuspielen wäre es aber, sich inhaltlich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Argumente zu liefern, warum man den Flughafen heute braucht. Zum Beispiel: internationale Verbindungen mitten in Berlin! Business! Investoren! Kapital! Aber da hatte man wahrscheinlich Angst vor einer rot-roten Protestwelle und dem Mobbing gegen „Superreiche“.

DIE PLAKATE FÜR DIE SCHLIESSUNG

Das einzige gestalterisch Gute an den Plakaten ist das große „Nein“. Das ist sauber herausgearbeitet und macht jedem deutlich, was er ankreuzen soll. Der Rest ist unerträglich. Von beinahe jedem Laternenpfahl schauen diese mürrischen Menschen herab und verbreiten schlechte Laune. Am Computer offenbar noch blasser gemacht, schaut die junge Mutter, als hätte sie drei Tage nichts zu essen bekommen – weil wahrscheinlich Superreiche es ihr weggenommen haben. Sogar ihr Baby guckt vorwurfsvoll. Auch der Versuch ist plump, Sinn in den Text zu bekommen, in dem man ihn an das Bild anlehnt. „Wir lassen uns nicht auf den Arm nehmen“, sagt eine Mutter mit einem Kind auf dem Arm. Das wirkt ebenso künstlich wie die berlinisierten Aussagen.

Aufgeschriebener Akzent geht nicht. Das ist anbiedernd. Was besonders authentisch rüberkommen soll, wirkt aufgesetzt und gemacht. Hier soll eine Volksnähe suggeriert werden, die absolut peinlich ist. Die Leute erscheinen dumm. Das zieht die ganze Initiative auf das niedrigste Niveau. Irgendwie bekommt man das Gefühl: Wenn ich gegen den Flughafen bin, bin ich leichenblass und blöd. Dann lieber dafür, unabhängig von den Gründen – die mir hier eh keiner verrät! Hier werden trübe, dumme Typen gezeigt: miefig, schlechtaussehend unterdurchblutet, hinterwäldlerisch. Alte, Arme und Alleinerziehende werden als Gruppe konstruiert und gegen „Superreiche“ und „VIPs“ ausgespielt. Die ganz dicken Keulen: Oben gegen unten. Alt gegen Neu. Argumente braucht da keiner.

Das zeichnet ein negatives Zerrbild von Berlin und den Berlinern, mit dem sich keiner identifizieren möchte. Berlin als Prollstadt sondergleichen. So viele Plakate in der Stadt – und alles, was sie tun, ist motzen. Viel besser ist es, eine Vision zu vermitteln wie auf dem Grünen-Plakat der Künstler Seyfried und Ziska: „Das Paradies geöffnet. Der Flughafen ein Museum“. Da stürmen Kinder das Flugfeld, wir sehen einen Park mit Menschen, so wie es im neuen Tempelhof einmal werden könnte. Dem Betrachter wird nicht nur geraten „Nein“ zu sagen, sondern ein fröhliches „Ja“ angeboten: „Für Berlin!“. Hier zeigen die Grünen, wie heute Kommunikation gemacht wird: Unaufgeregt, sachlich kompetent, positiv und optisch ansprechend. Das ist eine Wohltat. So möchte man als halbwegs klar denkender Mensch angesprochen werden – auch als Berliner! Aufgezeichnet von Katrin Zeug

Am heutigen Dienstag diskutieren Vertreter von BUND, SPD und ICAT über Für und Wider des Flughafen Tempelhof: um 19.30 Uhr, AWO-Café, Oranienstraße 69, 10969 Berlin.

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