Tempelhof-Besetzung : Über den Zaun: Was die Besetzer wollen

Bei öffentlichen Auftritten gilt das Rotationsprinzip. Niemand aus der "Gruppe" soll sich profilieren. Das ist linke Tradition. Aber sie machen vieles anders als die Autonomen der 80er Jahre, die heute ihre Väter sein könnten. Was wollen die Besetzer?

Thomas Loy

Berlin Sie zeigen Gesicht, wollen sich nicht der "Paranoia" unterwerfen, überall könnten Spitzel lauern. Deshalb gibt es Fotos von den Aktivisten, die heute Tempelhof besetzen wollen. Diesmal darf Stefanie vom Organisationsteam vor die Kamera, Charlie war schon zu oft in der Zeitung. Beide machen bei den "Action Weeks mit".

Das Vokabular fortgeschrittener Gesellschaftsanalyse sprudelt wie selbstverständlich aus ihrem Mund. Der "Prozess der Gentrifizierung" sei keine naturgegebene Entwicklung, die Bürgerbeteiligung zu Tempelhof sei "intransparent" und "kommerzialisierte Stadtentwicklungspolitik" führe zur sozialen Spaltung. Einsilbig wird sie, wenn es um die brennenden Autos geht. Auch Charlie ist zum Thema Gewalt kein Kommentar entlocken. Viel lieber erzählt Stefanie von Bremen, wo sie in einem Akademikerviertel aufwuchs, obwohl ihre Familie, am Einkommen gemessen, in eine Arbeitergegend gepasst hätte. Weil sie nun mit den Kindern bildungsbeflissener Eltern auf die Schule ging, entwickelte sie einen ähnlich großen Bildungshunger. Wäre sie im Arbeiterviertel aufgewachsen, würde sie jetzt nicht studieren, glaubt Stefanie. Deshalb sei ihr "soziale Durchmischung" wichtig. Nur so erreiche man Chancengleichheit.

Charlie, 25, ist sparsamer in der Preisgabe persönlicher Wegmarken. Er studiere Lehramt, Englisch und Geschichte, engagiere sich seit langem in "Hausprojekten", musste wegen gestiegener Mieten aus Prenzlauer Berg wegziehen. Jetzt wohnt er im sozial prekären Schillerkiez, Neukölln, mitten in der früheren Einflugschneise. Hier, so befürchten die Aktivisten, könnte es nach einer Bebauung Tempelhofs zur Verdrängung der Eingesessenen kommen.

Äußerlich heben sich Stefanie und Charlie kaum aus ihrer Generation heraus. Sie trägt einen Glitzerstein an der Nase, ein schwarzes Top samt modischer Kette. Charlie lässt einen Bartstreifen am Kinn wachsen, ein kleines Horn stößt durch sein Ohrläppchen, auf seinen Schultern lastet eine trendige Adidas-Jacke. Abgrenzungen sind nicht ihr Ding, deshalb soll der Flughafenzaun ja verschwinden. "Die Wiese gehört den Berlinern", sagt Stefanie. Im Internet zeigen sich angehende Besetzer mit Schafmasken. Schafe haben auf der Wiese Tradition, aber Charlie ist dafür nicht zu gewinnen. "Ich bin Veganer. Von Tieren in Gefangenschaft halte ich nichts."

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