Tempelhof-Besetzung : "Warum so viel Theater?"

Ein Besuch am Flughafenzaun und bei Kiezbewohnern, deretwegen die Aktion organisiert wurde

Christian van Lessen
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Gelassenheit in Zaunesnähe. Wirtin und Gast vor dem „Keglerheim“.Foto: Uwe Steinert

„Macht das Tor auf“, ruft ein 50-jähriger Neuköllner im Jeansanzug. „Ich bin Anwohner, das berechtigt erst recht zum Protest.“ Dieter, wie er sich nennt, steht Sonnabendmittag an der Herrfurthstraße, als der Strom junger Leute zum Flughafenzaun stärker wird und sich Spannung zusammenbraut. Stuttgarter Polizisten haben schweigend Position bezogen, sperren den Weg direkt am Zaun ab, studieren den Stadtplan, um die eigene Lage zu orten. Hinterm  Zaun patrouillieren berittene Kräfte, weit auf dem Feld haben sich Polizei- und Krankenwagen aufgestellt. „Ich steige rüber, wenn es so weit ist“, sagt Dieter, „auch wenn ich fürchte, dass ich was auf den Kopf bekomme. Aber ich fühle mich durch die Polizei provoziert. Ein Katz- und-Maus-Spiel.“ Das Feld dürfe nicht auf Jahre „brachliegen und verrotten“.

Ein Park müsse her, kein Wohnungsbau mit teuren Eigenheimen, die das soziale Umfeld durcheinanderbrächten. Ein älteres Ehepaar schaut aus der Parterrewohnung eines nahen Hauses und hat Angst. „Wenn’s losgeht, machen wir die Fenster zu.“ Schon seit einer Woche sei mehr Polizei auf der Straße. „Die Gegend braucht keinen Park, keine Wohnungen, eher ein Ärztezentrum, ein Einkaufszentrum. Das ist es, was hier fehlt.“

Wirtin Nicole Ball aus der Kneipe „Keglerheim“ hat dem Zaun den Rücken zugekehrt und gibt sich gelassen. Sie sitzt mit Stammgast Allan Kunz, der vor Jahren aus Zehlendorf zugewandert ist, vorm Eingang, kurz davor hat sich ein Polizeiwagen aus Schwaben aufgestellt, Beamte beobachten das Straßenfest in der Lichtenrader Straße. Kein munteres Wort wechselt die Seiten. Die Wirtin kann der Flughafenbesetzung nicht viel abgewinnen. Neue Häuser auf dem Feld könnten das Wohngefühl heben, müssten hier nicht unbedingt mit höheren Mieten verbunden sein. Die seien seit Ende des Flughafens ohnehin schon kräftig bei Neuverträgen gestiegen. Bauen könne ihr „aus geschäftlicher Sicht“ nur recht sein, dann kämen auch die Bauarbeiter in ihr Lokal. Ihr Gast fürchtet, die Öffnung des Feldes bedeute „Drogenwiese. Wie die Hasenheide, nur viel übersichtlicher.“

Unbeeindruckt vom Aufmarsch von Polizei und Trupps junger Leute, die sich zum Teil kostümiert haben, wird auf dem Wochenmarkt am Herrfurthplatz heile Welt demonstriert. Die Leute kaufen Obst, Gemüse, Honig, Käse oder auch Wein aus der Toskana. Ein älterer Mann, Gewerbetreibender aus der Nachbarschaft, isst Bratwurst und wirkt entspannt. „Sollen sie doch den Flughafen besetzen. Warum so viel Theater um eine symbolische Aktion?“ Das Problem hier in der Gegend sei nicht die drohende „Gentrifizierung“, die Vertreíbung der angestammten Bevölkerung – sondern die Zusammenfassung problematischer Familien in einzelnen Häusern. Das hätten Wohnungsbaugesellschaften zu verantworten. Gegen Neubauten habe er nichts, die seien normal in einer Stadt, es gehe wohl nur um ein paar Stadtvillen. „Die Leute, die jetzt dagegen protestieren, kaufen in zehn Jahren selbst die Häuser.“ Von der gestarteten Fragebogenaktion der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zu Wünschen für die geplante Parkanlage auf dem Feld hat auch er nichts gehört. Die Behörde wählte für die Umfrage 6200 Anwohner nach dem Zufallsprinzip aus. Christian van Lessen

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