Tempelhof-Ideen : Ein wilder Plan

In 5 Tagen schließt der Flughafen Tempelhof. Die Architekten von "Graft", drei Trendsetter, würden das Gelände bevölkern - mit Tieren. Ihre Vision: ein zentraler Zoo für die ganze Stadt

Christian van Lessen
Tempelhof Zooplan
Schluss mit Tierpark und Zoo: Die Stararchitekten vom Büro Graft wollen die beiden Tierparks vereinen und nach Tempelhof verlegen....Foto: Graft Architekten

Warum denn eigentlich kein Zoo? Die Zusammenlegung von Zoo und Tierpark auf dem Flughafengelände Tempelhof könnte ein weiterer Schritt zur Vereinigung Berlins sein. Das sagen Thomas Willemeit und Wolfgang Putz, zwei der drei Stararchitekten von „Graft“. Die Idee, einmal ins Spiel gebracht, lässt die Kreativen nicht mehr los. Ohnehin sind sie dafür, der Mitte des Feldes ein Herz, einen Sinn, eine Identität zu geben. Das könne eine große Wasserfläche sein, ein Berg, ein Park. Am faszinierendsten aber wäre ein Zoo. Nicht auf ebener Fläche, nein, einer mit Hügeln und Seen. Dafür müsste Erde angekarrt, müsste eine Landschaft geschaffen werden.

Und das große denkmalgeschützte Flughafengebäude, das „leider nicht zu sprengen“ ist? Das müsste mit moderner Architektur aufgebrochen werden, weil es sonst wie ein Riegel zur Stadt hin wirkt. Das Bauwerk, finden die „Graft“-Architekten, sollte schon zum Zoo gehören, vielleicht Platz für eine fachbezogene Hochschule bieten, aber auch Unterkunft für Tiere sein. Platz genug sei ja vorhanden. Unter dem Halbrund des ausladenden Daches könnte eine Wasserpromenade entstehen. Aufs Feld ließen sich wieder bekannte Zoo-Bauten stellen, das Giraffenhaus etwa oder das Elefantentor.

Der Berliner Zoo habe ohnehin zu wenig Platz, könne sich nicht erweitern, gehöre trotz seiner Tradition nicht mehr in die City-West, schneide die Stadt vom Tiergarten ab. Die Bauten des „Zoobogens“ mit dem Bikinihaus und die Flachbauten der Budapester Straße versperrten die Sicht auf den Zoo. Der Tierpark sei weit ab. In Tempelhof könnten sich beide zu einer Gesamt-Berliner Institution vereinen. Und die Bewohner der Neubauten am Rande bekämen eine attraktive Nachbarschaft. Das verlange viel Überzeugungsarbeit, der Zoo sei ja ein „Heiligtum“. Andererseits könne die Ansiedlung beider Parks identitätsstiftend fürs Tempelhofer Feld sein.

Dessen Zukunft wäre für die Architekten eine Herausforderung. Gerade bauen sie in Tiflis, Georgien, eine Airport-City, sind in Peking an Hochhausprojekten beteiligt. Sie arbeiten in Metropolen, die schnelles Tempo kennen. Mehr als 120 Mitarbeiter sind in Büros in Los Angeles und in Peking beschäftigt. Und in einem Gewerbehof an der Heidestraße in Moabit, dort, wo irgendwann ein neuer Stadtteil entstehen soll. Berlin, sagen die Architekten, sei eine „verlangsamte Stadt“, ihre vielen Freiflächen seien Segen und Fluch, der Investitionsdruck sei gering – anders etwa als in London, wo ein frei gewordenes Flugfeld bestimmt schnell bebaut und die Stadt damit reich geworden wäre. In Berlin bleibe länger Zeit, über die Zukunft von Flächen nachzudenken. Die Planer zitieren den verstorbenen Architekturkritiker Julius Posener: „Hebt Euch Potenziale für die Zukunft auf.“

Aber Wolfgang Putz findet auch, Berlin müsse in die Gänge kommen, „die Provinzialität beenden und Anschluss finden“. Die Stadt sei im Grunde fertig, und Tempelhof eine Immobilie ohne Notwendigkeit. „Man muss also erfinderisch sein.“ Das Flughafenterrain berge zwei Probleme: Es sei nicht richtig außerhalb der Stadt, aber auch nicht angebunden an deren pulsierende Arterien. Das Gelände brauche ein symbolhaftes Zentrum, eine „klare Leere“, um die herum an den Rändern gebaut werden könne. Ohne dieses klar definierte Herz bestehe die Gefahr, dass mit den Jahren das Feld von außen her einfach nach und nach zugebaut, ein ganz normaler Stadtteil werde. „Es muss eine sinnvolle Aufgabe gefunden werden, um die herum sich Bauten gruppieren.“

An eine Umgestaltung des Flughafengebäudes wird zum Kummer der Planer offiziell nicht gedacht. Sinnvoll sei die Idee des Investors Ronald S. Lauder gewesen, dort eine schnell erreichbare Klinik einzurichten. „Wir bräuchten 100 bis 200 Jahre, um alle unsere Ideen durchzusetzen“, sagen die Graft–Leute. In ihrem Büro sind nebeneinander die Uhrzeiten von Los Angeles, Peking und Berlin abzulesen. Woanders scheinen die Uhren schneller zu laufen.

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