Tempelhof : Neubau der Landesbibliothek wieder gefährdet

Die Landesbibliothek erneut in Schwierigkeiten: Um den Standort auf dem Flughafen Tempelhof und die Finanzierung des 250-Millionen-Projekts gibt es Streit.

Ralf Schönball

BerlinNeun Mal blieben der Zentral- und Landesbibliothek seit ihrer Einrichtung im Jahr 1901 Erweiterungs- oder Neubauten schon verwehrt – zuletzt im Jahr 1992 kurz vor dem ersten Spatenstich. Nun schwelt erneut ein Streit darüber: Ist der geplante Neubau mitten in der Finanzkrise finanzierbar? Und soll das Bibliotheksgebäude wirklich am südlichen Zipfel vom Flughafen Tempelhof oder nicht doch lieber am Marx-Engels-Forum in Mitte gebaut werden?

Dabei schienen die Weichen gestellt: Klaus Wowereit, Befürworter eines Neubaus in Tempelhof, stellte dafür im April in seiner Funktion als Kultursenator 250 bis 300 Millionen Euro in die mittelfristige Finanzplanung des Haushalts 2010/2011 ein. Doch die Senatorin für Stadtentwicklung bremste ihren Dienstherrn aus: „Wie und wo die Zentral- und Landesbibliothek hinpasst, wird seit zwei Monaten intensiv geprüft“, sagte sie – und brachte das Marx-Engels-Forum in Mitte ins Spiel. Und wer die Neubau-Millionen trotzdem für schon bewilligt hält, macht die Rechnung ohne den neuen Berliner Finanzsenator Ulrich Nußbaum.

Sarrazins Nachfolger kündigte im Tagesspiegel-Interview an, dass auch Wowereits Begehr zu „den Kämpfen gehört, die den Job reizvoll machen“. Der parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion ist ganz sicher: „Die Zentral- und Landesbibliothek wird infrage gestellt“, so Uwe Goetze. In der Investitionsplanung des Landes stehe das Projekt „ganz weit hinten“. Für die CDU „muss die ZLB nicht sein“ – mit dem Geld solle man „lieber 50 Schulen sanieren“. Auch die Grünen sind skeptisch: „Das ist eine Menge Holz, die der Haushalt nicht hat“, sagt Jochen Esser. Und wie diese Summe aufzubringen ist, wenn sogar die Umbaupläne der Charité infrage gestellt werden, sei „völlig unklar“. Die Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer, schließt einen Neubau „in der Nähe des S-Bahnhofs Tempelhofer Damm“ zwar nicht aus. Andere Bauplätze aber eben auch nicht: Dass die Senatorin selbst das Marx-Engels-Forum als Sitz des Bibliotheksneubaus ins Spiel bringt, könnte aber auch eine hübsche Pirouette zur Durchsetzung ganz anderer Ziele sein: die Verhinderung der Rekonstruktion der im Krieg zerbombten Altstadt. Deren Raster liegt noch unter Pflaster und Asphalt begraben. Die Debatte um eine Neubebauung, die Kulturstaatssekretär André Schmitz lostrat, würde Junge-Reyer am liebsten auch begraben.Die Chefin der Linksfraktion, Carola Bluhm, glaubt dennoch an den ZLB-Neubau in Tempelhof, deren treibende Kraft sie mit SPD-Fraktionschef Michael Müller war. „Die Kosten fallen doch erst ab dem Jahr 2014 an“, wirbt Bluhm.

Die Generaldirektorin der ZLB, Claudia Lux, sagt: „Wir sind an der Lösung interessiert, die am schnellsten geht“. Der Druck sei groß: In den drei Häusern der  Stiftung stehe eine Fläche von 40 000 Quadratmetern zur Verfügung – „wir brauchen aber 67 000 Quadratmeter“. Wegen der Raumnot gebe es in der Kreuzberger Amerika Gedenkbibliothek regelmäßig Beschwerden: Es sei einfach zu laut und zu voll in der meistbesuchten Kultureinrichtung Berlins.

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