Tempelhof : Stille nach dem Schluss

Anwohner freuen sich – oder vermissen den Lärm. Phantomschmerzen unter der Einflugschneise.

Christian van Lessen

Gürkan Kahyaoglu im Tabak- und Getränkeladen an der Neuköllner Leinestraße sagt: „Vielen Kunden fehlt der Fluglärm.“ Sie haben gerade im Laden darüber diskutiert, wie gewohnt ihnen die Flugzeuge waren – und gar nicht so laut. Die Kunden haben über die ungewisse Zukunft der Nachbarschaft und ihre Auswirkungen auf die Gegend gesprochen. Das Wort Hasenheide fällt und hat keinen guten Klang. „Wir haben eine Attraktion verloren“, sagt Kahyaoglu. Er erzählt, wie viele Berliner aus anderen Bezirken, auch Touristen, an seinem Laden vorbei bis ans Ende der Leinestraße an den Flughafenzaun Oderstraße gelaufen sind, um Flugzeuge zu fotografieren.

Am Zaun und dem Schild „Zutritt strengstens verboten“ steht Angela Haardt mit einer ortsfremden Bekannten. „Hier beginnt das kerosinfreie Feld“ ruft sie begeistert und erklärt, wie sie als Anwohnerin unter dem Lärm gelitten hat, gerade bei Ostwind. In den Tagen vor der Schließung habe es besonders viele Starts und Landungen gegeben, sei „alles getan worden, um uns zu ärgern“. Es habe auch, zumindest aus ihrer Sicht, ganz merkwürdige Anflugwinkel gegeben. Sie glaubt, am Sonnabendmorgen noch zwei startende Maschinen gehört zu haben. „Kann das sein?“ Der Fluglärm wirkt in der ungewohnten Stille der Einflugschneise wie ein Phantomschmerz.

Normal ist am Tag zwei nach dem Ende des Flughafens noch gar nichts. „Ich bin sehr traurig“, sagt Marion Mühlberger, die mit ihrem Hund am Flughafenzaun der Oderstraße spazieren geht. Gerade dort, wo die Schneise in der Häuserfront Platz für eine Grünfläche lässt. Marion Mühlberger wohnt seit 25 Jahren in einem der Häuser direkt an der Schneise. Die Flugzeuge haben sie nie gestört. Die Frau kommt mit der Stille nicht klar, und nicht damit, dass die Polizei den Zaun mehr als bislang bewacht, dass überhaupt noch Zäune stehen und dass vom fernen Flughafengebäude her nachts „zehn Riesenscheinwerfer das Gelände voll beleuchten“. Sie hat Angst vor der Zukunft, dass eine neue Siedlung vor der Haustür die Mieten in der gesamten Neuköllner Nachbarschaft steigen lässt.

Dieu Hao Abitz fährt mit dem Rad am Zaun vorbei und freut sich. Sie hat unter der Neuköllner Einflugschneise eine Firma für Sprachensoftware, für Spracherkennung. Die Verständigung war oft gestört, „ich konnte mich nicht in Ruhe unterhalten“. Nun freut sie sich auf die Ruhe und eine schöne Aussicht, die kein Flugzeug mehr trübt. Eine Bundesgartenschau auf dem Flugfeld wünscht sie sich.

Es ist faszinierend still am Rollfeld. Ein fernes Flugzeug kündet vom Weg an Tempelhof vorbei. Die Leute am Zaun schauen nach oben und sehen nichts.

Dann merken sie auf. Aus dem dritten Stock eines Hauses an der Leinestraße dröhnen aus offenem Fenster dumpfe Bässe, schallen laut und anhaltend durch die Straße. Keiner regt sich auf. Die Gegend ist und bleibt lärmerprobt.

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