Templiner Waldhofschule : Der Spaß des Lebens

Die Templiner Waldhofschule integriert Behinderte mit großem Erfolg. Sie ist beliebt – und für den Deutschen Schulpreis nominiert.

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Templin - Die Kinder drängen sich aufgeregt um die Kamera, jeder will die Fotos vom Muffins-Backen im Display sehen. „Wir gucken lieber in zwei Gruppen nacheinander, dann sehen alle besser!“, ruft Kilian. Er ist zehn, seine Mitschüler haben ihn heute zum Gruppenleiter gewählt. Kilian teilt ein, wer den Teig knetet, wer die Muffins verziert, wer die Küche ausfegt. Eine Lektion in Sachen Selbstständigkeit.

Dabei wurde gleich die Hälfte aller Kinder der Waldhofschule in Templin mit Verhaltensauffälligkeiten, Lernschwierigkeiten oder geistigen Defiziten eingeschult. Wenn die Grundschüler in der 5. und 6. Klasse aber freiwillig Halbjahresarbeiten schreiben, liegen sie deutlich über dem Landesschnitt. „Dies ist die erste Schule in Deutschland, die die Erkenntnisse aus Pisa konsequent umsetzt“, lobte schon Ex-Bildungsminister Steffen Reiche. Nun ist die Waldhofschule als einzige Schule der Region Berlin- Brandenburg für den Deutschen Schulpreis nominiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel will ihn am heutigen Mittwoch in der St.- Elisabeth-Kirche in Berlin verleihen.

162 Schulen aus ganz Deutschland bewarben sich für die mit 230 000 Euro dotierten Ehrungen. Sieben Preisträger wird es geben. Schulleiter Wilfried Steinert freut sich darüber, unter den 15 Nominierten zu sein. Der frühere Berliner, der sich im Bundeselternrat engagierte und zwölf eigene und angenommene Kinder großzieht, hat die Schule seit 2002 entwickelt: zur „Waldhofschule Templin – Eine Schule für alle“, einer staatlich anerkannten Schule in freier Trägerschaft.

In der Uckermark grasen Rinder, weisen Schilder zu Orten namens Drei Häuser oder Morgenland. Inmitten der hügeligen Landschaft liegt die Grundschule. Es gibt auch Förderklassen für ältere geistig Behinderte. Zum Waldhof gehören zudem eine Werkstatt und Wohneinrichtungen für Menschen mit geistigen und teils auch körperlichen Behinderungen. „Ey, du bist ja behindert!“ – diesen Spruch hört man hier nicht. Weil die Schüler gar keinen Blick mehr für solche Kategorien haben. Während Integrationsklassen sonst einige wenige Förderkinder aufnehmen, haben an der Waldhofschule 104 von 230 Grundschülern sonderpädagogischen Bedarf. Statistisch unterrichten pro Klasse zweieinhalb Pädagogen: eine Grund-, eine Sonderschulpädagogin, eine Erzieherin. Von der Ausstattung her sei man nicht bessergestellt als Regelschulen, sagt der Schulleiter. In jeder Klasse sind höchstens 18 Kinder. Es gibt auch eine Hochbegabtenpädagogin: Jedes Kind soll nach seinen Fähigkeiten bestens gefördert werden. Beim Thema Vulkane etwa bauen die einen das Modell, andere recherchieren in der Bibliothek. In der 1. Klasse machen alle einen Computerführerschein, in der 4. können sie Powerpoint-Präsentationen. Einmal pro Woche kocht eine Klasse für alle. Die Erstklässler kennen auch Waldspielplatz und Streicheltiere längst, von der spielerischen Schulerkundung. Einige Eltern wissen, dass hier das Elternhaus von Angela Merkel steht, sie verbrachte auf dem Waldhof Kindheit und Jugend, ihr Vater arbeitete als Pastor.

In der Schule hören die Erstklässler nicht: Jetzt beginnt der „Ernst des Lebens“, sondern: Ihr könnt noch mehr Spannendes lernen! Noch vor der Einschulungsfeier gehen die je zwei neuen Klassen eine Woche auf Klassenfahrt. Zunächst „lernen die Kinder erst mal, wie man lernt“, sagt Steinert. Das bedeute erst mal mehr Einsatz der Lehrer. Langfristig aber könnten sie sich zurücknehmen, weil die Schüler weit selbstständiger sind, sagt Referendarin Katharina Wendt. „Die Teamarbeit auch mit den Lehrern ist toll.“ Allein 2009 hospitierten 300 Pädagogen aus ganz Deutschland. Wissenschaftler der HU Berlin und der Uni Potsdam begleiten die Schule. Sie entlässt vergleichsweise viele Kinder auf Regeloberschulen, aufs Gymnasium. „Wir haben weit mehr Bewerbungen, als wir Kinder aufnehmen können“, sagt der Schulleiter.

Nur eine Sporthalle fehle, bedauert Elternsprecher Marco Mitzlaff. Er hat wie viele Eltern seine nichtbehinderten Kinder an der Waldhofschule, wegen des pädagogischen Konzeptes. Die Kinder lernen soziale Kompetenzen, vertiefen Wissen durchs Weitergeben an andere. Die Schüler Lana-Maria und Arne, beide 12, haken ein: Das Förderkind Sascha könne viel besser mit Computern umgehen als sie selbst. Was ihre Schule von anderen unterscheide? Die zwölfjährige Schülersprecherin Picabo sagt: „Uns hier macht Schule Spaß.“ Annette Kögel

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