Berlin : Tempo 143 kostet 600 Mark - und bringt vier Punkte

Jörn Hasselmann

Raser teilt die Polizei in zwei Gruppen ein: "Bei gutem Wetter rasen die PS-Protze, bei schlechtem die Kleinwagen." Aber fast immer, so erzählt ein Beamter, seien es Männer. Am Montag schoss der Spitzenreiter mit Tempo 166 über die Stadtautobahn, am Sonntag waren es "nur" 149. Und auch Zufallstreffer erfreuen die Beamten: Die einwöchige Sonderkontrolle auf der A 100 hat am Sonntagabend gerade begonnen, da wird in Höhe Beusselstraße eine 23-Jährige gestoppt. Frische Unfallspuren machen misstrauisch. Schnell stellt sich heraus, dass die Frau kurz zuvor nach einem Crash auf der Seestraße geflüchtet ist. Sie ist betrunken, einen Führerschein hat sie nicht. Die Blutprobe ergibt 1,77 Promille. Eine Stunde später durchbricht ein 19-Jähriger die Kontrolle und rast davon, bis er in einer Kurve mit dem Bordstein kollidiert und zu Fuß flüchten will. Der Mann hat zwar keinen Alkohol intus, aber ebenfalls keinen Führerschein.

"Wir stellen keine Fallen", betont angesichts dieser "erschreckenden Ergebnisse" der Chef der Berliner Autobahnpolizei, Eckart Keller. Ihn und seine Leute ärgere der ständige "Abzocke"-Vorwurf aus Politik, ADAC und Boulevardblättern. Im Jahr 2000 gab es auf den Berliner Autobahnen 2333 Unfälle, sagt Keller - das sei Grund genug, einmal massiv Präsenz zu zeigen. Dabei wird in Berlin längst nicht so scharf kontrolliert wie in Brandenburg. In Berlin werden zehn Prozent vom Messergebnis des Videowagens abgezogen; andere Bundesländer ziehen nur fünf Prozent ab. Kommissar Keller ist es aber lieber, vor Gericht auf Nummer sicher zu gehen - mit zehn Prozent Abzug. Bei dieser hohen Toleranz würde kritischen Anwälten und Richtern keine Angriffsfläche geboten.

"Wenn er uns von hinten erkennt und bremst, hat er Glück", erzählt der Fahrer des Videowagens. Denn das Abbremsen geht so lange in die Messung mit ein, bis die vorgeschriebene Mindeststrecke erreicht ist. Die zivilen Fahrzeuge mit einer Videokamera fahren 500 bis 1000 Meter hinter einem Temposünder her und ermitteln daraus den Durchschnitt. Dem Motorradfahrer zum Beispiel, den die Beamten in der Nacht zu Montag stoppten, schrieb die Polizei einen Strafzettel über Tempo 143. Das macht: 600 Mark, 4 Punkte, 3 Monate Fahrverbot. In der Spitze war der Raser sicher mit 160 oder 170 Sachen oder mehr unterwegs. Die Streife mit der Videokamera kann aber nicht einfach den Spitzenwert aus dem Film nehmen und damit eine Anzeige über dann 850 Mark schreiben.

Anders ist es mit den Radarwagen. Wer in den Messstrahl gerät, wird mit diesem Tempo geblitzt. Abgezogen werden nur 5 km/h bei Geschwindigkeiten über 100 oder 3 km/h unter 100. Viel Auswahl hat die Polizei nicht, denn in Kurven könne nicht geblitzt werden, und häufig fehle der Platz, den Radarwagen zu parken - und das möglichst unauffällig. Gestern Mittag stand der Radarwagen an der A 100 in Höhe Goerdelerdamm im Gebüsch am Westhafenkanal, etwa 500 Meter vor der Beusselbrücke. Tagsüber verhindere schon die hohe Verkehrsdichte auf der Stadtautobahn extremes Rasen, und doch schaffen es gestern immer wieder Autofahrer auf 110, 120 oder sogar 130 aufzudrehen. Auf der Seestraßenbrücke werden sie dann mit der roten Kelle aus dem Verkehr gezogen.

Und nicht nur die Raser. Die Beamten verlassen sich gerne auch auf ihre Nase, und winken den jungen Mann mit dem tiefergelegten Peugeot 205 heraus. Ein Verkaufsschild im Fenster, viele Bohrlöcher im Nummernschild - da werden die Beamten wach, trotz der Kälte. Der richtige Riecher: die Reifen zu breit, der Auspuff zu laut und und und. Da summiere sich die Strafe schnell, erzählt ein Beamter. Bis kommenden Sonntag will die Polizei auf der A 100 kontrollieren - rund um die Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben