Berlin : "Tempo 200 ist nachts keine Seltenheit"

Jörn Hasselmann

Die Ausreden der Ertappten sind immer die selben. "Ich hab gar nicht bemerkt wie schnell ich bin." Oder: "Die Baustelle habe ich nicht gesehen." Doch Kommissarin L. und Kommissar K. kennen nicht nur alle Ausreden, sie wissen es auch besser. Denn sie sind den Verkehrssündern nachgefahren, haben Raserei, Drängelei, wilde Spurwechsel nicht nur beobachtet, sondern auf Video aufgezeichnet.

"Hochauflösend in Farbe - nicht schlecht", staunt ein junger Mann, den die beiden Zivilbeamten kurz vor Mitternacht hinter dem Britzer Autobahntunnel rausgewunken haben. Er musste an seiner 1300er-Maschine nur wenig am Gasgriff drehen, um in Höhe Oberlandstraße auf 130, 140 zu kommen. Angesichts der regennassen Fahrbahn nicht nur zu schnell, sondern auch gefährlich, resümiert allerdings Kommissarin L., als das Motorrad die Zivilstreife der Autobahnpolizei überholt. Die 35-Jährige am Steuer gibt sofort Gas, rast der Yamaha hinterher. Kollege K. auf dem Beifahrersitz schaltet die Videoanlage ein. Denn die Verstöße müssen "gerichtfest" sein. Vorgeschrieben sind mindestens 500 Meter Verfolgung; hinter der Yamaha fährt die Streife 914 Meter mit laufender Kamera her - was dann folgt ist Routine: Blaulicht aufs Dach, Kelle aus dem Fenster. Der Computer ermittelt die Durchschnittsgeschwindigkeit dieser 914 Meter; der Yamaha-Fahrer hat deshalb wie die meisten Glück. Denn sein Abbremsen kurz vor der Ausfahrt Buschkrugallee geht in diesen Durchschnitt mit ein, und von diesen 101 km/h zieht die Berliner Polizei noch einmal zehn Prozent für Messungenauigkeiten ab. So ist der junge Mann ganz froh, dass er für die errechneten 91 km/h nur 50 Mark zahlen muss. Die meisten Ertappten in dieser Nacht sind freundlich und verständig, manche Nächte seien so, sagt Kommissarin L, die seit fünf Jahren mit der Zivilstreife die 69 Kilometer Berliner Autobahn abfährt. Jede Widerborstigkeit erstürbe beim Angebot, sich "doch gemeinsam mal den Film anzuschauen".

Den traurigen "Rekord" unter den 5107 Anzeigen dieser einwöchigen Sonderkontrolle auf der Stadtautobahn schoss am Sonntag kurz nach Mitternacht ein Auto ab, dass mit Tempo 210 auf dem Stadtring in Höhe Goerdelerdamm von einem Radarwagen geblitzt wurde - erlaubt sind 80. Da hilft auch der Abzug der zehnprozentigen Toleranz nichts mehr, der Höchstsatz bei Rasen ist fällig: 850 Mark, vier Punkte und drei Monate Fahrverbot. "Tempo 200 ist nachts leider keine Seltenheit", sagte ein Beamter der Autobahnbahnpolizei. Gerast werde überall, besonders gerne aber auf der Avus und dem neuen Tunnel im Neuköllner Ortsteil Britz. Kommissarin L. und ihre Kollege K. interessieren sich nur für extreme Raser; Autos, die mit 100 auf dem Stadtring unterwegs sind, lassen sie gewähren. "Das lohnt sich nicht." Und vor allem soll die zivile Limousine nicht unnötig "verbrannt" werden. Schon jetzt sei der Fahrzeugtyp den meisten Viel-Fahrern bekannt, auf einschlägigen Internetseiten ist der Wagen sogar mit Kennzeichen und Innenausstattung vermerkt. "Als das Auto neu war, war der Überraschungseffekt größer", sagt die Beamtin.

Erwischt wurden in dieser Woche jedoch nicht nur Raser und Drängler. Auch Betrunkene, Bekiffte, Führerscheinlose und gesuchte Straftäter wurden - im Wortsinne - aus dem Verkehr gezogen, das Auto abgestellt und der Sünder zu Fuß nach Hause geschickt. Zum Beispiel am 5. Dezember einen Kasachen, der die Beamten bei der Kontrolle nacheinander mit einem griechischen Pass, einer russischen Fahrerlaubnis und einer deutschen Aufenthaltserlaubnis verwirrte. Eine längere Prüfung dieser Dokumentenmischung ergab, dass der Führerschein doch keiner war.

Angesichts dieser Ergebnisse (und der 2333 Unfälle auf den Autobahnen im Jahr 2000) bereitet Eckart Keller, der Chef der Autobahnpolizei, schon jetzt den nächsten Schwerpunkteinsatz vor.

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