Berlin : Tempodrom: Interview: "Ich lasse nicht zu, dass in das Programm hineingeredet wird"

Am kommenden Wochenende öffnet das Neue Tempo

Irene Moessinger gestaltet als Betreiberin des Neuen Tempodroms das Programm. Sie gründete vor 21 Jahren auch das alte Tempodrom.

Am kommenden Wochenende öffnet das Neue Tempodrom am Anhalter Bahnhof erstmals seine Pforten - für eine geschlossene Veranstaltung, den europäischen Filmpreis. Die offizielle Eröffnung ist erst am 8. Dezember. Ingo Bach sprach mit der Tempodrom-Betreiberin Irene Moessinger über das Programm und wie viel Platz darin noch für die Off-Kultur ist.

Die meisten der großen Tempodrom-Veranstaltungen in den nächsten Monaten erinnern eher an große kommerzielle Bühnen. Die Geigerin Vanessa Mae wird auftreten, ebenso wie die Puhdys, die Tap Dogs oder Melissa Etheridge. Hat die alternative Kunst noch Platz im Neuen Tempodrom?

Schauen Sie sich doch unser Programm genauer an. Vieles steht in der direkten Tradition des alten Tempodroms. Das Maulheldenfestival zum Beispiel, bei dem zehn Tage lang Wortkünstler aus aller Welt auftreten werden, oder die klassischen Konzerte. Wir werden auch offenen politischen Veranstaltungen ein Podium bieten, wie dem Weihnachts-Benefizkonzert zugunsten afghanischer Frauen. Und natürlich gibt es im nächsten Jahr wieder die Heimatklänge. Und wir entwickeln die Traditionen weiter. Neue Veranstaltungen kommen hinzu, wie das Symposium über die Möglichkeiten interaktiver Bühnen und das Liquidrom, das Musikgenuss unter Wasser bietet.

Woran orientiert sich das Neue Tempodrom, an BKA-Zelt und Bar jeder Vernunft oder an ICC und Deutschlandhalle?

Keines von beiden. Das Tempodrom war etwas Eigenständiges in Berlin und wird es bleiben. Schon immer war das Programm in den vergangenen 20 Jahren eine Mischung aus Alternativkultur und Mainstream. Nur so konnten wir die wirtschaftliche Balance halten und ohne Subventionen auskommen.

Kann in einem solchen Beton-Neubau mit der großen Arena Kleinkunst überhaupt funktionieren?

Das ist nicht alles Beton hier. In der großen Arena - die übrigens genauso so groß ist wie das alte Tempodrom-Zelt - wurde viel Holz verarbeitet, die wirkt fast wie eine Kathedrale. Zu groß für Kleinkünstler, die intimere Räume brauchen. Die werden in unserer kleinen Arena auftreten, die komplett mit Vorhängen verkleidet ist und so eine richtig kuschlige Kleinkunstbühne wird.

Weinen Sie dem Zelt bei aller Freude über den Neubau nicht doch eine Träne nach?

Sicher, schließlich waren das unsere Wurzeln und wir haben dort auch gute Zeiten gehabt. Aber im Zelt gab es auch Probleme. Es bot nur wenig Abschirmung gegen das Wetter und Außengeräusche. Außerdem hatten wir keine Alternative. Wir mussten wegen des Bundeskanzleramtes weg von unserem angestammten Platz - oder das Tempodrom wäre gestorben.

Nach den Querelen um die Finanzierungslücke bei dem Neubau berief Sie der Senat vom Vorstand des Stiftungsrates ab. Die Stiftung fungiert nun als Eigentümerin der Spielstätte und Sie als Betreiberin. Sind Sie zufrieden mit diesem Arrangement?

Ich habe gerne mit dem alten Stiftungsrat zusammengearbeitet, ich hing an dieser Arbeit. Trotzdem habe ich mich nie als Eigentümerin des Tempodroms gefühlt. Ich werde weiterhin das Tempodrom nach außen repräsentieren. Und ich bleibe gemeinsam mit Arnulf Rating für die Programm-Gestaltung verantwortlich. Und da steht uns der neue Stiftungsrat nicht im Wege. Ich lasse es auch nicht zu, dass uns in den Inhalt hineingeredet wird.

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