Berlin : Tempodrom: Vom Zelt zur Philharmonie

Christian van Lessen

Bauen ist noch immer Männersache: Fünf Herren zur Linken, vier zur Rechten, saß Irene Moessinger in der Mitte des Podiums, schaute auf das Medienpublikum und sagte zur Begrüßung: "Hallo. Es ging Berge hinauf und Täler hindurch". Sie meinte die Geschichte "ihres" Baus, deren Höhen und Tiefen. Gestern war fast der Gipfel erreicht, mit Glücksgefühl und bangem Erwarten, ob es mit der letzten Bauabnahme am Donnerstag auch klappt. Bevor sich die Popgeigerin Vanessa Mae, unter den Gästen zunächst fast versteckt, auf ihren baldigen Auftritt freuen durfte, stellte Chefin Moessinger das neue Tempodrom vor, Anfang Dezember soll es spielbereit sein.

Die flankierenden Herren aus der näheren Umgebung, meist führende Leute vom Bau, lächelten zuversichtlich. Auch Thomas Dankwart von der Investitionsbank Berlin, die dem Bauprojekt auf Drängen des Senats letztlich noch aus der finanziellen Patsche half. Sonst hätte es die erste Besichtigung des Hauses gestern nicht geben können.

Beim anschließenden Rundgang durch den zackigen Zeltbau, der dem einstigen Anhalter Bahnhofsgelände sozusagen die Krone aufsetzt, sagte Dankwart, man sei beim Bau alle Positionen noch mal durchgegangen. "60 Millionen werden nicht überschritten, vielleicht gibt es noch Luft nach unten". Davon, dass noch im Oktober allgemein von 50 Millionen Mark die Rede war, wollte der Mann von der IBB nicht wissen, aber der Preis für das neue Kulturzelt ist immer wieder für Überraschungen gut. Der Bau sollte erst 32 Millionen, dann 44 Millionen Mark teuer werden, die Baukosten gerieten vor allem in den letzten sechs Monaten fast außer Kontrolle. Irene Moessinger, die Seele des ganzen Projektes, musste die Stiftung Neues Tempodrom verlassen, "Sparkommissare" des Landes Berlin übernahmen die Zügel, und Thomas Dankwart wurde Vorsitzender des Stiftungsrates, die Investitionsbank gilt heute als "Sponsor" des Hauses.

Aber beim Rundgang, der wirklich eine Runde war, waren die Querelen der vergangenen Wochen fast vergessen, schon zur Begrüßung schien der kleine Saal unter der roten, "getreppten" Kuppel alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ein kleines Amphitheater, in dem 400 Leute Platz finden können, trotz der betonkalten Wände intim wirkend. Und als es dann, zurück über das Foyer und 14 Stufen hinab, in die große Arena ging, empfanden das die meisten Betrachter als Aha-Erlebnis. Sofort gingen die Blicke 37 Meter nach oben, in die gezackte Dachkonstruktion. "Die expressive Dachform ist ein visueller Fixpunkt", erklärte Stefan Schütz, der Projektleiter des Architekturbüros Gerkan, Marg und Partner. Und ein Baukollege von ihm erklärte die braunen und schwarzen Streifen im Dach, die einen für das Schallschlucken, die anderen für das Reflektieren zuständig. Er sprach von zweischaligen, gegeneinander schwingenden Wänden aus Gipskarton, Beton und Holz und versprach eine Akustik wie in der Philharmonie. Schallsegel fehlen noch.

Aber noch standen anstelle eines Orchesters zwei Lieferwagen im Rund, Bauarbeiter montierten die letzten Holzstühle, rund 3700 Besucher werden hier Platz finden, und sich vielleicht daran erinnern, wie provisorisch noch das erste Tempodromzelt wirkte, das Krankenschwester Irene Moessinger mit dem Geld einer Erbschaft 1980 aufgebaut hatte, fast direkt an der Mauer des Potsdamer Platzes. Oder an die kleine Zeltstadt, die sie vier Jahre später auf dem Parkplatz neben der Kongresshalle einrichtete. Bis nach rund 14 Jahren der benachbarte Neubau für das Bundeskanzleramt dem Provisorium ein Ende bereitete. Nun haben die Wanderjahre nach einem Gastspiel am Ostbahnhof ein Ende, nun wird die fast weltbekannte Veranstaltungsstätte sesshaft.

Es wird Seminarräume geben, ein richtig stabiles Restaurant und standhafte Toiletten, deren Räume in sandfarbenem Gelb strahlen. Die Decken sind wiederum blau oder rot, die Fußböden allerdings von glattem Asphalt. Die Bauleute versichern, sparsamste Materialien verwendet, die einfache Zirkus-Zelt-Vergangenheit des Hauses nicht vergessen zu haben.

Noch wirkt das Haus stellenweise wie ein Rohbau, aber stets machen sich Bauleute kurz vor einer Eröffnung Mut, dass alles kein Problem ist. "Wir müssen es schaffen", sagte Projektleiter Schütz. Nicht termingerecht, sondern vermutlich erst im März wird das kleine runde Solebad "Liquidrom" fertig, der Biergarten auf der Terrasse drängt ohnehin nicht zur Eile und die Promenade bis zum Gleisdreieck ist auch noch Zukunftsmusik.

Bald aber spielt hier wirklich die Musik. Ist die Verleihung des Europäischen Filmpreises am 1. Dezember zwar der Beginn der neuen Tempodrom-Karriere, so geht es offiziell erst am Eröffnungswochenende vom 7. bis 9. Dezember los. Violinvirtuosin Vanessa Mae wird das erste Konzert geben, den Schlussakt übernehmen die zwölf Cellisten der Berliner Philharmonie. Am 8. Dezember wird das Eröffnungsfest gefeiert.

Auf den Einladungskarten steht, was Tempodrom-Freunde, die den alten Zelt-Zeiten mit ihren liebgewonnenen Provisorien und der Off-Kultur nachzutrauern beginnen, vielleicht versöhnlich stimmen könnte: "Das Tempodrom geht neue Wege, ohne seine Wurzeln zu verlieren".

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