Terrassenstrahler : Mit Hut und Heizpilz

Vor Restaurants in Mitte glühen die Terrassenstrahler trotz Verbots weiter. Allerdings wird es draußen schon bald richtig winterlich.

von
Heißes Eisen. Auch am Sonnabend glühten am Potsdamer Platz die Terrassenstrahler – wie hier vor dem Weinhaus Huth. Manchen reicht die so verströmte Gemütlichkeit, um sich bei sieben Grad und grauem Novemberhimmel draußen niederzulassen. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Heißes Eisen. Auch am Sonnabend glühten am Potsdamer Platz die Terrassenstrahler – wie hier vor dem Weinhaus Huth. Manchen reicht...

Die letzten Frostbeulen und glättebedingten Prellungen sind noch gar nicht lange verheilt – schon steht der nächste Winter vor der Tür. Bereits die ersten Meldungen über eine lange und schneereiche Kälteperiode weckten finstere Erinnerungen an die scheinbar versteinerten Schneehaufen und Eisplatten, die den Leuten wochenlang auf die Nerven und die Knochen gingen. Raucher erinnern sich mit Schrecken, wie ihnen im ungewohnten Exil vor der Kneipentür fast die Zigarette zwischen den Fingern festfror. Noch vier, fünf Tage, dann ist es erneut so weit: Der Winter kommt. Schon wieder.

Von Donnerstag an erwarten die Meteorologen Dauerfrost – ungewöhnlich früh im Jahr. Der Wetterdienst Meteogroup prophezeit, dass sich unter den teils kräftigen Regen zu Wochenbeginn in der Nacht zu Mittwoch die ersten Schneeflocken mischen. Am nächsten Wochenende könnte die ganze Stadt hauchdünn verschneit sein – zum Rodeln zu wenig, zum Fahren zu viel.

Einer, der es schon vorher gewusst hat, ist der Meteorologe Dominik Jung vom Dienst Wetter.net. Sein hauseigenes Rechenmodell hat ihm schon im Oktober einen sehr kalten und schneereichen Winter prophezeit. Jetzt sieht er sich durch „eine extreme Großwetterlage“ bestätigt: Ein gigantisches Hochdruckgebiet drehe sich über dem nordwestlichen Atlantik – im Uhrzeigersinn, wie üblich. Auf der rechten Seite dieser Riesenuhr wird eiskalte Luft aus der Arktis südwärts geschaufelt bis nach Mitteleuropa. Wenn zu dem Hoch noch ein (linksherum drehendes) Tief über dem Norden Russlands kommt, kann die Kälte noch mit Feuchtigkeit angereichert werden. Wie zwei Zahnräder würden das Hoch und das Tief dann Schneewolken nach Deutschland schieben. Wenn diese Kältemaschine erst einmal stabil läuft, kann sie eine Weile durchhalten – und die schwächeren Tiefs, die als mildes Nieselwetter vom Atlantik nach Europa drängen, einfach abblocken.

Wer in diesen Zeiten ein wenig Wärme to go sucht, kann sie in Mitte vor Restaurants vor allem um den Hackeschen Markt und das Sony-Center finden. Dort bollern die Heizpilze im Dutzend. Woraus sich die Frage ergibt, auf welcher Rechtsgrundlage die Klimakillerpilze dort überhaupt noch stehen.

Rechtlich befinden sich die Geräte teils im illegalen, teils im rechtsfreien Raum: In fünf Innenstadtbezirken einschließlich Mitte dürfen Gastronomen per „Sondernutzungsgenehmigung“ auf öffentlichem Straßenland zwar weiter Tische und Stühle aufstellen, aber keine Heizpilze mehr. Das gilt aber nicht für Privatgrundstücke, zu denen etwa große Teile des Potsdamer Platzes zählen. Auch die von cleveren Energieverschwendern entdeckte Alternative, Elektrostrahler an die Wand zu hängen, lässt sich vorerst nicht verhindern. „Solange das Klimaschutzgesetz nicht verabschiedet ist, fehlt uns die Handhabe“, heißt es in der Umweltverwaltung. Im Gesetz soll das Beheizen von Außenluft verboten werden. Da die saftige Preiserhöhung von Vattenfall – plus zwölf Prozent für den Stromverbrauch bei Gewerbekunden – schon im Januar und damit schneller kommt als das Gesetz, könnten die elektrischen Strahler bald erkalten. Und selbst die ganz harten Draußensitzer müssten weiterziehen, falls der Winter wirklich so kalt wird.

Die Propanpilze sind in den meisten Citybezirken fast ausgestorben, aber in Mitte holen manche Gastronomen die sporadischen Bußgelder über das Umsatzplus wieder herein. Zudem haben sie relativ wenig zu befürchten: Stadtrat Carsten Spallek (CDU) lässt seine Ordnungsamtler nach eigener Auskunft Bußgelder von 200 bis 300 Euro verhängen und arbeitet sich „von unten nach oben an die Schmerzgrenze vor“: Bei einer Klage gegen allzu hohe Strafen würde der Bezirk wohl vor Gericht scheitern und auf den Verfahrenskosten sitzen bleiben, glaubt Spallek. Und wenn den Unverbesserlichen die Erlaubnis zur Sondernutzung entzogen werden solle, müsse ohnehin das Bauamt ran, das die Genehmigungen erteilt.

Spalleks Baukollege Ephraim Gothe (SPD) verweist dagegen auf einen Beschluss, der das Ordnungsamt für zuständig erkläre. Der Charlottenburg-Wilmersdorfer Stadtrat Marc Schulte (SPD) stärkt diese Position: Die Kontrolle sei Sache der Ordnungsämter. Sein Amt beginne mit einer Gratisverwarnung und steigere sich dann über dreistellige Bußgelder bis zur Androhung, die Pilze einzusammeln. Das habe bisher immer gewirkt.

Ob der Winter wirklich wieder so kalt wird, dass selbst die Heizpilze einfrieren, mögen manche Wetterdienste vorerst nicht kommentieren. Jung von Wetter.net sagt: „Als Meteorologe muss man immer damit rechnen, dass man falsch liegt.“

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

14 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben