Berlin : Terror gegen USA: Entsetzen über den Terror - Angst vor einem Krieg

Holger Wild

No Revenge please! No World War 3. Keine Rache, bitte, keinen Dritten Weltkrieg! Das Transparent ist eilig gemalt worden, jetzt spannt eine Gruppe junger Leute es an der Ecke Unter den Linden / Neustädtische Kirchstraße auf. Weiter hinten in der Kirchstraße liegt die amerikanische Botschaft. Dahin kommt schon seit Stunden keiner mehr. Nur Journalisten und Polizisten dürfen sich der von Gittern abgesperrten Mittelstraße nähern. Die Polizisten legen dort Blumen ab, stellen Kerzen auf, die ihnen Berliner als Zeichen des Beileids am Absperrband vorne Unter den Linden übergeben haben.

Zum Thema Online Spezial: Terror gegen Amerika
Fotos: Der Anschlag auf das WTC und das Pentagon
Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Reaktionen: Weltweites Entsetzen
Hintergrund: Terrorangriffe auf Ziele der USA Es ist sieben Uhr abends. Nieselregen sprüht nieder. Die "Mahnwache Brandenburger Tor" hat eine Lichterkette aufgebaut in der Neustädtischen: Grablichter in Plastikbechern. Leon Lennartz, der Initiator, nennt das "die Botschaft der Toten". Er denkt, "die Politbonzen der Welt müssen sich zusammensetzen und Frieden machen. Sonst gibt es noch mehr Tote." Als er erfährt, dass auch Grüne und PDS aufgerufen haben, hier sein Mitgefühl und Entsetzen zu bekunden, ruft er: "Als Menschen können sie kommen. Wenn sich hier einer als Senator hinstellt, wird die Sache abgebrochen!"

Aber zunächst kommen andere. Berliner. Mit Blumen, mit Kerzen. Oder einfach nur so, dann bekommen sie von der Mahnwache eine Kerze und halten sie. Oder geben sie einem Polizisten, dass er sie zur Botschaft bringe. Was soll man sonst tun, außer da sein?

Nadine und drei Freundinnen, Schülerinnen, haben sich nach den ersten Nachrichten zusammentelefoniert und gemeinsam CNN geguckt. Um nicht alleine mit dem Schock fertig werden zu müssen, sagen sie. Sie haben Angst vor dem Krieg. Andere sind einfach nur "entsetzt". "Fassungslos." Können nur sagen: "Das ist doch schrecklich" oder "Wir wollen unsere Anteilnahme zeigen". Harald Wolf, PDS-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, sagt dasselbe: "Betroffenheit und Beileid". Wolfgang Wieland, Justizsenator, Michael Cramer, Verkehrsexperte, Adrienne Göhler, Kultursenatorin und ihre Staatssekretärin Alice Ströver, alles Grüne, zünden Kerzen an und stellen sie zu den anderen. Ein Mann ruft: "Das waren eure Freunde!" Wieland sagt, man müsse jetzt mit dem Schlimmsten rechnen. Diese Ereignisse würden unser aller Leben verändern. Es sei noch ein Glück, dass die Terroristen nicht mit biologischen Kampfstoffen operiert hätten.

Es sind nicht viele, die kommen. Vielleicht dreißig Leute sind da, einige gehen, andere kommen neu. Journalisten sieht man genausoviele. Später entwickeln sich Diskussionen über die Ursachen, die Folgen der Attentate. Man beginnt, sich zu streiten. Um halb neun brechen die meisten zum Berliner Dom auf, zum Trauergottesdienst.

Auf der Straße Unter den Linden fahren die Autos wieder. Am frühen Abend war sie für etwa eine halbe Stunde gesperrt. Bombenalarm. Ein herrenloser Koffer war gemeldet worden, hört man von einem Polizisten. Ein anderer sagt, es sei nur ein Wecker gewesen. "Nur". An solchem Tag schmecken die Worte bitter. Langsam brennen die Kerzen nieder.

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